Aug 182022
 

Im Frühjahr diesen Jahres hat der NABU Seeheim-Jugenheim e.V. die Gemeinde Bickenbach und deren Forstdienstleister HessenForst darauf hingewiesen, dass der Gemeindewald bei Forstarbeiten stark in seiner Funktion beeinträchtigt wurde. Bei einem gemeinsamen Waldbegang mit dem Zertifizierer PEFC wurde deutlich, dass der Hauptkritikpunkt des NABU, die übermäßige Bodenverdichtung durch Maschinen, nicht mit den Richtlinien des PEFC-Standards vereinbar war. Zwei von fünf vom NABU kritisierten Punkten wurde als Abweichung gewertet.
Bei einem Gespräch zwischen Mitgliedern des Gemeindevorstandes Bickenbach, Bürgermeister Hennemann und Mitgliedern des NABU Seeheim-Jugenheim e.V. Anfang Juni wurde über die bisherige Behandlung des Waldes, das Miteinander zwischen der Gemeinde und dem Naturschutzbund und zukünftige Lösungsansätze gesprochen. Dabei wurde der NABU gebeten, seine Vorschläge zur zukünftigen Waldbehandlung in einem Leitlinien-Papier zu erarbeiten und der Gemeinde vorzulegen. Wir haben dieses Angebot, uns konstruktiv mit konkreten Lösungsvorschlägen einzubringen, gerne genutzt. Denn da sich der Gemeindewald in einem sehr schlechten Zustand befindet, müssen alternative Formen zur bisherigen Waldbehandlung gefunden werden, um den Wald zu stabilisieren.

Nachfolgend finden Sie eine Zusammenfassung unseres 10-Punkte-Papiers sowie die Ausführungen der einzelnen Leitlinien. Diese Leitlinien wurden am 18.8.2022 an den Bürgermeister sowie Mitglieder des Gemeindevorstandes und Gemeindevertretung übermittelt.

Zusammenfassung

Der Zustand der 140,6 ha Gemeindewald ist prekär. Eine weitere Verschlechterung steht aufgrund zahlreicher Stressfaktoren zu befürchten. Während der Stress durch äußere Faktoren (Makroklima wie Hitze und Trockenheit, Schadstoffeinträge und Zerschneidungen) direkt nicht gemindert werden kann, kann deren Wirkung durch die Reduktion innerer Stressfaktoren abgemildert werden. Waldinterne Stressfaktoren können durch die Waldbewirtschaftung entstehen (vor allem Fällungen und Entfernen des Holzes aus dem Ökosystem, Räumung von Schadflächen, zu starke Durchforstung, ungeeignete Pflege, Einsatz von schwerem Gerät und Pflanzung ungeeigneter Baumarten) – aber auch durch Rehverbiss infolge zu hoher Wildbestände. Das Ziel einer neuen Waldmanagementstrategie muss es sein, diese direkt beeinflussbaren, inneren Stressfaktoren zu reduzieren, um die Widerstandsfähigkeit und Selbstheilungskräfte des Waldes zu erhöhen. Denn ein komplexes Ökosystem wie der Wald kann unter zunehmendem Stress durch äußere Faktoren nur durch selbsterhaltende Kräfte überleben, und daher müssen diese Kräfte zwingend gestärkt werden. Die folgenden Handlungsempfehlungen ergeben sich aus diesem übergeordneten Ziel, dem Schutz und der Stärkung des Waldes als Ökosystem.

Leitlinie 1: Bis auf Weiteres stark reduzierte Holzernte (Steigerung des Holzvorrats im Wald). Reduktion von  Fällungen auf ein unverzichtbares Minimum (Verkehrssicherung). Läuterung, Pflege und Durchforstung werden bis auf absolut notwendige Ausnahmen ausgesetzt. 

Leitlinie 2: Zum Schutz eines intakten Waldinnenklimas wird das Kronendach geschlossen gehalten und die Beschattung gefördert. Bestehende Waldränder werden naturnah strukturiert, neue Waldränder und Zerschneidungen werden vermieden. Das Wegenetz wird dort, wo es möglich ist, zurückgebaut.

Leitlinie 3: Vorrang der natürlichen Verjüngung standortheimischer Baumarten, besonderer Schutz/Förderung von Sämlingen dieser Arten. Nur dort, wo diese nach Dichte und Zusammensetzung nicht ausreicht, ggf. ergänzende Saat dieser Arten (nur, wenn diese nicht möglich oder sinnvoll ist, auch durch Pflanzung). Gezieltes und bedachtes Zurückdrängen konkurrierender Pflanzen, v.a. invasiver Arten mit handgeführter Technik. Erstellung und Umsetzung eines neuen Jagdkonzepts mit dem Ziel der Reduktion von Verbissschäden.

Leitlinie 4: Förderung naturnaher und standortangepasster Baumartenzusammensetzung. Dort, wo sich in absehbarer Zeit keine naturnahe Baumartenzusammensetzung von allein etablieren wird, sollte aktiv eingegriffen werden (Unterstützung Naturverjüngung, Saat, Pflanzung). Gezieltes, systematisches und Zurückdrängen invasiver Arten nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. 

Leitlinie 5: Erhaltung und Wertschätzung vielfältiger natürlicher Strukturen (verschiedene Baum- und Pflanzenarten unterschiedlichster Altersklassen einschließlich Krank- und Totholz) und Entwicklungsprozessen des Waldes (Anfangs-, Übergangs- und Schlußwald, Optimal-, Alters-, Plenter-, Verjüngungs- und Zerfallsphase). Insbesondere ältere Bäume werden nicht mehr gefällt. Ziel eines Holzvorrats von min. 70% bis 80% des natürlichen Vorrats. Keine Räumung von Schadflächen.

Leitlinie 6: Förderung der biologischen Vielfalt und der Vernetzung von Lebensräumen durch mehr Habitatbäume, ggf. künstliche Nistmöglichkeiten für Fledermäuse und Vögel. Es werden keine Waldarbeiten innerhalb der Brut- und Setzzeit durchgeführt und keine Pestizide eingesetzt. So wenig Mahd von Wegrändern wie möglich; verstärkter Schutz besonderer Arten; Erarbeitung und Umsetzung eines Biotopverbundkonzepts.

Leitlinie 7: Förderung der Versickerung (Infiltration) von Regen- und Fließwasser; Förderung von Infiltration begünstigenden Baumarten; Totholz als Wasserspeicher; Prüfung der Möglichkeiten der Infiltration aus Kläranlagen.

Leitlinie 8: Förderung der Beziehung der BürgerInnen zum Wald und der Umweltbildung durch die Erschließung des Gemeindewaldes zum Beispiel mit Waldlehr- und Erlebnispfaden, die Kennzeichnung besonderer Bäume, Abteilungsschildern mit Flurnamen oder Wegebezeichnungen; Einbindung von Schulen und Kindergärten; erholungsorientierte Besucherlenkung; bessere Aufklärung über waldtypische Gefahren; Angebote moderner Waldpädagogik.

Leitlinie 9: Mehr Bodenschutz durch weniger Befahrung mit Maschinen. Es werden keine neuen Rückegassen mehr angelegt. Gassen, die einen Mindestabstand von 40 Metern unterschreiten, werden stillgelegt. Ein nachhaltiges Konzept für die Bodenschonung wird entwickelt.

Leitlinie 10: Regelmäßige Erhebung von Daten, die notwendig sind, die Umsetzung und ggf. Anpassung des Leitbilds zu messen. Experten werden eingebunden; wissenschaftsbasierte Umsetzung und Weiterentwicklung im Einklang mit aktuellem Stand der forstwissenschaftlichen Forschung; keine Umsetzung von Maßnahmen durch externe Unternehmer mehr. 

1.     Einleitung

Der Gemeindewald Bickenbach umfasst 140,6 ha. Der Zustand des Gemeindewaldes ist prekär. Eine weitere Verschlechterung steht aufgrund zahlreicher Stressfaktoren zu befürchten. Auch wenn diese Stressfaktoren meist miteinander in Verbindung stehen und sich oft gar gegenseitig verstärken, ist es sinnvoll, sie systematisch und zunächst getrennt voneinander zu betrachten. Dabei bietet sich die Unterscheidung in äußere und innere Stressfaktoren an. Äußere Stressfaktoren sind solche, auf die man vor Ort kaum direkten Einfluss nehmen kann. Innere Stressfaktoren entstehen hingegen vor Ort, und ihr Management kann die Widerstandsfähigkeit des Waldes gegen Stress von außen beeinflussen.

Zu den äußeren Stressfaktoren zählen vor allem Makroklima (Hitze, Trockenheit, Sturm, auch in Wechselwirkung mit biotischen Interaktionen, wie etwa Schädlingen und invasiven Arten), Schadstoffe (Bodenversauerung, Stickstoff etc.) und Zerschneidungen (Bebauung, Straßen, Energietrassen, Windwurf etc.). In Kombination führt all das zu einem starken Stress für den Gemeindewald Bickenbach.

Die Wirkung externer Stressfaktoren kann gemindert werden, indem interne Stressfaktoren reduziert werden. Dazu zählen: Die Räumung von Störungsflächen, die Pflanzung oder Förderung nicht-standortheimischer Baumarten, v.a. von Nadelbäumen, der Verbiss von Jungwuchs insb. durch Rehwild, die konventionelle Pflege, die Holzernte und vor allem die Fällung von Altbäumen >140 Jahren sowie Entfernung von Totholz aus dem Ökosystem, die zu dichte Anlage von Waldwegen und Rückegassen sowie deren Befahrung mit schwerem Gerät sowie Fäll- und Rückeschäden.

All das führt zu zahlreichen, komplex miteinander und mit externen Stressfaktoren in Wechselwirkung stehenden Schäden im Wald: Das Waldinnenklima wird vor allem durch Räumung, „Pflege“ und damit einhergehende Kronenauflichtung gestört: (Zu viel) Licht, Hitze und Trockenheit ziehen ein, der Wasserhaushalt leidet, wann immer Holz aus dem Wald entnommen wird, sei es durch „Pflege“, Ernte oder Räumung. Gleichzeitig schwindet für zahlreiche Arten der Lebensraum, die Artenvielfalt wird reduziert, und für das Ökosystem als Ganzes lebenswichtige Symbiosen zwischen Flora und Fauna können nicht mehr funktionieren. Im Boden schwindet die Artenvielfalt durch Befahrung und Verdichtung ebenfalls, die Wasseraufnahme- und Haltefähigkeit nimmt ab, das Mykorrhiza-Netzwerk wird geschädigt, und es kann kein Austausch von Wasser und Nährstoffen mehr im Boden stattfinden.

All das kann hier einleitend zunächst nur angerissen werden, wird aber deutlicher, wenn in Abschnitt 3 im Rahmen von Leitlinien und Handlungsempfehlungen1 auch Mittel und Wege gegen diese inneren Stressfaktoren empfohlen werden. Hier reicht zunächst der Hinweis darauf, dass das vorrangigste Ziel darin liegen muss, die Widerstandsfähigkeit (Resistenz) und die Selbstheilungskräfte (Resilienz) des Waldes so gut wie möglich zu erhalten und/oder wiederherzustellen.

2.     Ziele, Zielkonflikte und Priorisierung

In der Forsteinrichtung von 2016 sind fünf Zielsetzungen der Waldbewirtschaftung ihrer Priorisierung nach in folgende Reihenfolge gebracht worden:

1. Schutz- und Erholungsfunktionen (außerordentlich wichtig),

2. Holzproduktion (wichtig).

3. Finanzieller Nutzen (wichtig) mit dem Ziel: „Bestreben nach einem ausgeglichenen Betriebsergebnis unter evtl. Inkaufnahme eines minimalen Defizits zugunsten der Hauptfunktionen“.

4. Bewirtschaftung ausschließlich durch Unternehmer.

5. Keine nennenswerten Abstriche zugunsten der jagdlichen Nutzung.

Wie einleitend betont, muss es in der Zukunft primär um den Erhalt des Waldes gehen und dieses Ziel folglich an oberster Stelle stehen – die Zukunft des Waldes steht „auf Messers Schneide“: Es zeichnen sich bereits deutlich sichtbar selbst verstärkende Zerfallsprozesse ab, die kurz- bis mittelfristig auch mit erheblichem Aufwand nicht mehr aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen sind. Die Folge sind Verbuschung und Versteppung, also ein Totalverlust des Waldes, im Zuge dessen auch keine der zahlreichen anderen Ziele der Waldbewirtschaftung mehr erreichbar sein werden. Um dem entgegenzuwirken, ergibt sich folgendes Leitbild:

1. Alle 140,6 ha des Gemeindewaldes Bickenbach bleiben dauerhaft erhalten oder werden im Idealfall ausgeweitet (Entsiegelung, Renaturierung).

2. Der Gemeindewald besteht aus biologisch vielfältigen und funktionsfähigen, naturnahen Waldökosystemen, denn nur als intaktes Ökosystem kann er dauerhaft erhalten bleiben.

3. Der Gemeindewald ist stabil und anpassungsfähig, weil das komplexe Ökosystem Wald sich auf Dauer nur „selbst helfen“ kann und dafür Resistenz und Resilienz benötigt, insbesondere im Klimawandel.

4. Der Gemeindewald erbringt heute und künftig für die Menschen unverzichtbare Ökosystemdienstleistungen (Erholung, Kühlung, Feuchtigkeit, Artenvielfalt, ggf. auch wieder Holz).

Aus diesem allgemeinen Leitbild ergibt sich eine Zielkaskade, also eine Priorisierung konkreter Anforderungen an den Wald bzw. Funktionen des Waldes. Nicht jede dieser Funktionen kann immer gleich stark erfüllt werden. Im Gegenteil muss in den meisten Fällen eine Funktion unerfüllt bleiben, um eine andere zu erfüllen; andererseits begünstigen sich viele Funktionen auch gegenseitig, was man sich bei der Waldbewirtschaftung zunutze machen sollte. Entsprechend der Priorisierung der vier Bestandteile des Leitbildes ergibt sich diese Zielkaskade für den Gemeindewald Bickenbach wie folgt:

1.      Ökosystemschutz

2.      Bodenschutz

3.      Artenschutz

4.      Temperatur- und Feuchtigkeitsregulierung

5.      Grundwasserfunktion 

6.      Walderholung, Gesundheit, Tourismus, etc.

7.      Klimaschutz und Kohlenstoffbindung

8.      Roh- und Brennholzversorgung

Abb. 1: Disharmonische Zielsetzungen im Wald

Abb. 2: Zielkaskade definieren

3. Leitlinien/Handlungsempfehlungen

Leitlinie 1: Bis auf Weiteres stark reduzierte Holzernte

Die Entnahme von Bäumen aus dem Bestand widerspricht sieben der acht der Ziele der oben definierten Zielkaskade. Um dauerhaft den Holzvorrat zu steigern (“Holz wächst nur an Holz”, s. Leitlinien 2 und 5) und die lokalen Ökosysteme zu stärken, sollten Bäume nur in Ausnahmefällen gefällt und entnommen werden. Daraus ergeben sich folgende Handlungsempfehlungen:

1.1 Fällungen müssen auf ein rechtlich zwingend gebotenes Minimum (Verkehrssicherung) reduziert werden.

1.2 Läuterung, Pflege, Durchforstung und Ähnliches wird ausgesetzt bzw. ebenfalls auf absolut notwendige Ausnahmen beschränkt, die nur im Einklang mit hier definierten Leitlinien vorgenommen werden sollen. Darüber sollte in einem einzurichtenden Gremium entschieden werden. 

1.3 Holzernte (also Verkauf von Holz) findet nicht mehr statt, bis die nötige Naturnähe und Stabilität des Waldes wieder hergestellt ist. Sollten Verkehrssicherungsmaßnahmen nötig werden, verbleibt das Holz in aller Regel im Wald und trägt zu Artenvielfalt, Wasserhaushalt, Humusbildung, Naturverjüngung (natürlicher Verbissschutz) und vielem mehr bei.

Leitlinie 2: Schutz des Waldinnenklimas

Resistenz und Resilienz basieren vor allem auf einem intakten Waldinnenklima; ein relativ kühles und feuchtes Klima ist das wichtigste Element, wenn es darum geht, alle anderen Funktionen der Waldökosysteme zu erfüllen: Vor allem nachhaltige und widerstandsfähige Zunahme des Holzvorrats, Naturverjüngung, Feuchtigkeit, Kühlung und Artenvielfalt. Handlungsempfehlungen umfassen vor diesem Hintergrund:

2.1 Keine Öffnungen des Kronendachs mit Ausnahme notwendiger Verkehrssicherungsmaßnahmen gemäß 1.1

2.2 Jede Art der Beschattung ist zu fördern und wird nicht entfernt, ggf. mit Ausnahme invasiver Neophyten (Götterbaum, Robinie, Spätblühende Traubenkirsche), wo dies sinnvoll und notwendig ist.

2.3 Bestehende Waldränder werden naturnah strukturiert (durch Waldmäntel aus Sträuchern, die das Waldinnenklima nach außen abschirmen); neue Waldränder werden möglichst vermieden, denn Ränder beeinträchtigen bis zu 100 m in den Wald hinein das Innenklima.

2.4 Es wird geprüft, ob alle Wege im Wald notwendig sind, und unnötige Wege werden rückgebaut.

Leitlinie 3: Förderung der natürlichen Verjüngung

Die Naturverjüngung (Nachwuchs an Bäumen direkt aus Samen lokaler Bäume) verspricht für kommende Waldgenerationen die besten Zukunftschancen und muss oberste Priorität haben. Denn Nachwuchs aus Naturverjüngung ist genetisch an den Standort angepasst und wird zudem von „Mutterbäumen“ nicht nur durch Beschattung, sondern tatsächlich auch stofflich unterstützt. Um diesen „Königsweg“ der nachhaltigen Waldbewirtschaftung zu begehen, empfehlen sich folgende Handlungsleitlinien:

3.1 Es werden standortspezifische Listen geeigneter standortheimischer Baumarten (vor allem heimische Laubbaumarten wie Eichen, Hainbuche,  Winter-Linde, Feld- und Spitz-Ahorn, Elsbeere) erstellt (siehe Leitlinie 8) und die Naturverjüngung dieser Arten unter besonderen Schutz gestellt. Auch heimische Pionierbaumarten (Weiden, Espen, Birken) und Sträucher werden belassen. 

3.2 Bei zu wenig Naturverjüngung oder bei Nichtvorhandensein der gelisteten Arten in der Umgebung kann und soll der Aufbau standortheimischer, vielfältiger Wälder unterstützt werden, idealerweise durch Saat (Hähersaat) bzw. im Ausnahmefall auch durch Pflanzung, hier wiederum im Idealfall Pflanzung lokal gewonnener Wildlinge anstatt von Baumschulpflanzen. Hierbei sind vorausschauend Klimawandel und andere Stressfaktoren sowie absehbare ökologische Risiken zu berücksichtigen.

3.3 Konkurrierende Pflanzen, vor allem invasiver Arten wie der Götterbaum, die Robinie und die Spätblühende Traubenkirsche, sollten bevorzugt dort zurückgedrängt werden, wo die Naturverjüngung gefördert werden soll. Dabei darf nur leichte, handgeführte Technik eingesetzt werden.

3.4 Es wird ein effektives Jagdkonzept erarbeitet und umgesetzt, denn das größte Problem der Naturverjüngung ist der Rehverbiss. 

Leitlinie 4: Förderung naturnaher Baumartenzusammensetzung

Wie bereits mehrfach betont, sind standortheimische Baumarten und auch Baumindividuen an ihren Standort angepasst und damit am besten gegen Stress gewappnet und mit Selbstheilungskräfte ausgestattet. Zudem entwickelt sich in naturnahen Wäldern auch eine standortspezifische Vielfalt an Baumarten und innerhalb der Arten an Genotypen. Vor allem im Vergleich mit Monokulturen standortfremder Arten weist diese multiple Vielfalt insgesamt deutlich höhere Widerstandsfähigkeit gegen Stress und bessere Selbstheilungskräfte auf. An einigen Stellen im Gemeindewald wird sich in absehbarer Zeit jedoch keine naturnahe Baumartenzusammensetzung mehr von allein etablieren, weil durch die langjährige Einwirkung interner und externer Stressfaktoren das Ökosystem destabilisiert ist – an diesen Stellen sollte aktiv eingegriffen werden (analog zu Leitlinie 3.2). Handlungsempfehlungen ergeben sich wie folgt:

4.1 Grundsätzlich ist durch Einhaltung von Leitlinie 3 (Naturverjüngung) bereits sichergestellt, dass nur Baumarten (nach)wachsen, die den natürlichen Waldgesellschaften im Gemeindewald Bickenbach entsprechen. Andere Baumarten werden grundsätzlich nicht eingebracht; und es werden durch natürliche Prozesse wachsende Arten belassen, auch wenn sie nicht zu den primär zu fördernden Arten (Leitlinie 3.1) zählen, etwa Pionierbaumarten wie Salweide, Birke oder Zitterpappel.

4.2 Das Einbringen heimischer Baumarten aus anderen Gebieten (z. B. Rotbuche aus Polen) ist (auch rechtlich) zu prüfen. Das Einbringen von Baumarten, die zwar in (Mittel-)Europa heimisch, aber nicht regionaltypisch sind (z.B. Esskastanie, Flaumeiche, Zerreiche) kann nach dem Prinzip der vorausschauenden Anpassung nach einer ausführlichen Abwägung der Chancen und Risiken eine Ergänzung der heimischen Baumarten darstellen. Vom Einbringen von Baumarten aus anderen Erdteilen ist grundsätzlich abzusehen.

4.3 Invasive Arten und/oder Neophyten wie Götterbaum, Spätblühende Traubenkirsche und Robinie sollten zurückgedrängt werden. Dabei sollte maßvoll und mit Sachkenntnis vorgegangen werden, weil einfaches motormanuelles Abschneiden der Bäume/Triebe oft zu erneutem Austreiben führt (Stockausschlag) und damit das Problem zunächst eher verschlimmert. „Rabiatere“ Verfahren wie Ausreißen der Pflanzen oder gar Mulchen ganzer Flächen ist nicht mit der schonenden Herangehensweise, die hier insgesamt angeraten wird, oder auch mit einzelnen primären Zielen, wie etwa dem Bodenschutz, vereinbar. Dennoch ist insgesamt das Management invasiver Arten eines der drängendsten Probleme im Gemeindewald. Hierfür braucht es mehr Daten und Know-how.

Leitlinie 5: Hohe Vielfalt natürlicher Strukturen und Waldentwicklungsprozessen

Vielfältige Strukturen (verschiedene Baum- und Pflanzenarten unterschiedlichster Altersklassen einschließlich Krank- und Totholz) mit allen Waldentwicklungsphasen (Anfangs-, Übergangs- und Schlusswald, Optimal-, Alters-, Plenter-, Verjüngungs- und Zerfallsphase) in natürlichen Anteilen erhöhen die Stabilität und Resilienz des Waldökosystems. So bieten sie zahlreichen Tier- und Pflanzenarten ein Habitat und erhöhen zudem den Erlebnis- und Erholungswert. Im Gemeindewald sind nach der letzten Forsteinrichtung (S. 7) die Altersklassen über ALK VI (älter als 120 Jahre) „nur gering vertreten”. Alte, dicke, für die Stabilität des Ökosystems Wald und die Kohlenstoffbindung besonders wertvolle Bäume sind demnach stark unterrepräsentiert, so dass deren Anteil erhöht werden muss. Als Teil vielfältiger Strukturen ist außerdem Totholz in allen Zerfallsphasen und sowohl liegend als auch stehend notwendig, denn nahezu jede Tier-, Pflanzen- und Pilzart, die von Totholz lebt, ist auf eine bestimmte Art Totholz spezialisiert und davon abhängig. Zudem speichert Totholz Wasser wie ein Schwamm und wird schließlich zu Humus im Waldboden, der ebenfalls Wasser und Nährstoffe speichert und Kohlenstoff bindet: „Im Gegensatz zur manchmal geäußerten Meinung zeigen tote Bäume also keineswegs einen ‚toten Wald‘ an, sondern sind ein wichtiger Bestandteil eines lebendigen Waldökosystems.“ (Bericht des Runden Tisches zum Stadtwald Darmstadt, S.24).

Folgende Handlungsempfehlungen ergeben sich aus dem Gesagten:

5.1 Alle Waldentwicklungsphasen werden zugelassen und wertgeschätzt, vor allem auch die Alters-, Plenters-, Zerfalls- und Verjüngungsstadien.

5.2 Grundsätzlich werden ältere Bäume (über 120 Jahre) nicht mehr gefällt.

5.3 Es wird ein Minimalprinzip eingeführt: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Grundsätzlich ist jede Maßnahme im Wald auf ihre Notwendigkeit für ein strukturreiches Ökosystem hin zu prüfen und zu begründen.

5.4 Im Gemeindewald sollen künftig 10% der Fläche als Referenzflächen (rechtlich dauerhaft gesicherte und der Forschung zur Verfügung stehende stillgelegte Flächen) ausgewiesen werden, um Zielwerte u.a. für Holzvorrat und Totholz zu ermitteln und zu überprüfen.

5.5 Angestrebt werden soll, den Holzvorrat dauerhaft auf mindestens 70% bis 80 % des natürlichen Vorrats entsprechender Standorte (Referenzfläche) anzuheben. Die nachhaltige Anhebung des Holzvorrats soll bei allen waldbaulichen Entscheidungen eine wichtige Zielsetzung sein.

5.6 Totholz wird im Gemeindewald nicht entfernt, sondern in den Beständen belassen, bis ein festzulegender Zielwert (Anteil Referenzfläche) erreicht ist.

5.7 Bereits heute gibt es im Gemeindewald erste Flächen mit hohen akuten Baumschäden bis hin zu flächigen Zerfallsphasen. Während sie konventionell geräumt wurden (Entfernung von Schad- und Totholz, gegebenenfalls Bodenbearbeitung und Neubepflanzung), wird künftig natürlichen Prozessen Raum gegeben (Sukzession). Dieser Prozess kann, wo erforderlich, durch unterstützende, kleinteilig abgestimmte Maßnahmen gefördert werden (siehe Leitlinien 3 und 4).

Leitlinie 6: Die biologische Vielfalt wird gefördert und die Vernetzung von Waldlebens- sowie Landschaftsräumen verbessert.

Es wird oft unterschätzt, wie entscheidend Artenvielfalt für die Stabilität der Waldökosysteme ist; sie erhöht maßgeblich die Anpassungsmöglichkeit an sich verändernde Klimabedingungen. Biodiversität umfasst drei Ebenen: Erstens eine natürliche Vielfalt von Arten, neben Bäumen auch eine unübersehbare Zahl an Pflanzen, Tieren, Pilzen und Mikroorganismen. Zweitens auch eine Vielzahl an genetischen Typen (Genotypen) unterhalb der Artebene; ganz besonders wichtig ist eine hohe Vielfalt an lokal angepassten Genotypen der Baumarten. Drittens zählt zur Biodiversität eine Vielfalt an standortangepassten Waldökosystemen, also eine Vielzahl als „Systemen im System“, z.B. unterschiedliche Waldgesellschaften und Ökosysteme von Sonderstandorten. Wichtig ist hinsichtlich der Biodiversität nicht eine möglichst große Zahl an Arten, sondern das Vorkommen von solchen, die für das natürliche lokale Ökosystem Wald am jeweiligen Standort typisch sind. Dazu braucht es eine Vernetzung von Wäldern mit ausreichenden Korridoren mit Wanderungsmöglichkeit für Arten.

Handlungsempfehlungen:

6.1 Es werden mehr Habitatbäume ausgezeichnet und als solche geschützt; Zielgröße sind 15 Habitatbäume/ha.

6.2 So lange der derzeitige Mangel an Habitatbäumen/Baumhöhlen noch nicht behoben ist, sollten künstliche, sichere Nistmöglichkeiten für Fledermäuse, Singvögel und Eulen angelegt werden.

6.3 Fällungen, Pflege, Läuterungen und Durchforstungen erfolgen nur ausnahmsweise (siehe 1.1 und 1.2) und außerhalb der Brut- und Setzzeit.

6.4 Es gibt keinen Einsatz von Pestiziden, gemäß Nr. 19 des Maßnahmenprogramms „25 Schritte zur biologischen Vielfalt“ (2013). Wo nötig und sinnvoll, ist der Einsatz von biologischen Bekämpfungsmethoden zulässig.

6.5 Die Mahd von Wegrändern soll auf ein Mindestmaß reduziert werden.

6.6 Lebensräume für besondere Arten (z.B. Rote-Liste-Arten) sollen auch außerhalb gesetzlich definierter Schutzgebiete erhalten und gepflegt werden.

6.7 Mit dem Ziel der räumlichen Vernetzung von Waldökosystemen wird ein Biotopverbundkonzept etabliert und Fragmentierungen von Wäldern werden, wo möglich, zumindest punktuell überbrückt.

Leitlinie 7: Wassermanagement und Grundwasserneubildung

Die Grundwasserstände im hessischen Ried sind problematisch niedrig und oft unterhalb der Reichweite (Grenzflurabstand) der Baumwurzeln im Gemeindewald. Auch wenn in dieser Situation der Grundwasserstand für den Gemeindewald eine vernachlässigbare Rolle spielen, verhält es sich umgekehrt anders: Ob Wasser aus Regen und fließenden Gewässern im Waldboden versickert (Infiltration), hängt auch von der Waldmanagementstrategie ab. Ziel der Strategie muss auch sein, die Wasserhaltekraft (die sogenannte Feldkapazität) zu erhöhen. Naturnah bewirtschaftete Wälder reichern ihren Oberboden kontinuierlich mit Humus an und erreichen dadurch ein Optimum an Wasserspeicherfähigkeit. Um einer weiteren Grundwasserabsenkung entgegenzuwirken, ergeben sich folgende Handlungsempfehlungen:

7.1 Regenwasser zurückhalten und zur Versickerung (Infiltration) bringen, soweit möglich. Insbesondere eventuelle Entwässerungseinrichtungen im Wald (z.B. Gräben) werden verschlossen, um das Ökosystem nicht noch zusätzlich zu entwässern; Rückegassen entwässern ebenfalls und sind auch vor diesem Hintergrund auf ein unbedingt nötiges Minimum zu reduzieren.

7.2 Förderung von Infiltration begünstigenden Baumarten (unter Laubbaumarten, v.a. Buche ist sie bis zu 30% höher als unter Nadelbäumen). Einige Baumarten (etwa Douglasie) nehmen mehr Wasser auf als andere heimische Baumarten anstatt es für die Infiltration in den Boden durchzulassen, und sind daher ungeeignet. 

7.3 Totholz speichert Wasser wie ein Schwamm. Totholz sollte gezielt eingesetzt werden, um Wasser im Wald zu speichern. 

7.4 Möglichkeiten der Infiltration aus Kläranlagen sollten in Zusammenarbeit mit ausgewiesenen ExpertInnen geprüft werden. 

Leitlinie 8: Förderung der Beziehung der BürgerInnen zum Wald und der Umweltbildung

Die Menschen brauchen eine engere Beziehung zum Wald und mehr Wissen darüber, um ihre Bindung zu und ihr Engagement für den Wald zu bestärken. Bindung zum und Bildung über den Wald sind nötig, damit sich insgesamt mehr BürgerInnen für den Wald einsetzen, denn nur dann kann die Verwirklichung dieses Leitbildes gelingen. Folgende Handlungen seien dafür empfohlen:

8.1 Die Erschließung des Gemeindewaldes zum Beispiel mit Waldlehr- und Erlebnispfaden, die Kennzeichnung besonderer Bäume, Abteilungsschilder mit Flurnamen oder Wegebezeichnungen sollte gefördert werden. Schulen und Kindergärten sollten eingebunden werden.

8.2 Eine erholungsorientierte Besucherlenkung trägt nicht „nur“ zum Naturschutz bei, sondern fördert auch den Naturgenuss.

8.3 Die Benutzung des Waldes geschieht grundsätzlich auf eigene Gefahr (daraus erfolgt eine Reduzierung von Verkehrssicherungmaßnahmen auf ein absolut nötiges Minimum). Dies gilt insbesondere für waldtypische Gefahren, über die BesucherInnen verstärkt und gezielt aufgeklärt und gebildet werden sollen.

8.4 Generell sollen moderne Angebote der Waldpädagogik (z.B. im Rahmen von VHS-Kursen) für alle Generationen das Informationsbedürfnis der Bevölkerung erfüllen und dazu beitragen, das Wissen rund um den Wald zu stärken und die Wertschätzung des Gemeindewaldes zu fördern.

Leitlinie 9: Künftig mehr Bodenschutz

Der Bodenschutz muss vorrangiges Ziel einer jeden Waldmanagementstrategie sein, denn der Boden ist das Fundament eines jeden Waldes. Zu einem naturnahen Wald gehören vom Menschen nicht beeinträchtigte Böden, die von waldtypischen Bodenlebewesen durchsetzt sind. 

Für den Bodenschutz ergeben sich dringende Handlungsempfehlungen:

9.1 Es erfolgt keine Befahrung mit Maschinen abseits bestehender Wege und (bereits in bestehendem Kartenwerk verzeichneter) Rückegassen, da sie den Boden auf lange Zeit stark schädigt: Das Mykorrhiza-Pilzgeflecht wird geschädigt/zerstört, das Wasserspeichervermögen herabgesetzt, Schad- und Stickstoff-Gehalte werden erhöht.

9.2 Neue Rückegassen werden nicht angelegt. Gassen, die einen Mindestabstand von 40 Metern unterschreiten, werden stillgelegt.

9.3 In einzelnen Ausnahmefällen, wenn die Entnahme aus dem Bestand zwingend erforderlich (Verkehrssicherung) und (z. B. aus Arbeitsschutzgründen) nicht anders möglich ist, kann der Maschinen-Einsatz zugelassen werden. Auch dann ist die Befahrung gering zu halten und bodenschonende Verfahren/Zeitpunkte zu wählen.

9.4 Es sollte ein nachhaltiges Konzept für die Bodenschonung entwickelt werden. Wenn möglich, sind Alternativen zum Maschineneinsatz zu bevorzugen, etwa das Rücken mit Pferden oder Seilwinden. 

9.5 Eventuelle Entwässerungseinrichtungen im Wald (z.B. Gräben) werden verschlossen, um das Ökosystem nicht zu entwässern 

Leitlinie 10: Umsetzung, Einbindung und Begleitung

Die Datenbasis muss über die Daten der Forsteinrichtung hinaus erweitert werden. Insbesondere zu Leitlinien 3 und 4 müssen möglichst zeitnah fundierte Daten erhoben werden und in die Umsetzung eingeleitet, aber auch alle andere Leitlinien müssen durch systematische Datenerfassung weiter konkretisiert, umgesetzt und fortentwickelt werden.

Folgende Handlungsempfehlungen ergeben sich:

10.1 Es erfolgt eine regelmäßige Erhebung von Daten, die notwendig sind, die Umsetzung und ggf. Anpassung des Leitbilds zu messen.

10.2 Bei Unsicherheiten sollte die experimentelle Erprobung verschiedener Vorgehensweisen erwogen und nach wissenschaftlichen Standards umgesetzt werden, insofern der Aufwand dafür vertretbar und angemessen ist.

10.3 Der NABU Seeheim-Jugenheim wird stetig eingebunden, nimmt beratend an den Gemeindewald betreffenden Gremien und Sitzungen teil und unterstützt die Verantwortlichen bei der Erarbeitung konkreter Maßnahmen des Waldökosystem-Managements.

10.4 Weitere ExpertInnen werden bei Bedarf hinzugezogen.

10.5 Forstarbeiten sind nicht an externe Unternehmer zu vergeben.

1 Die Leitlinien und Handlungsempfehlungen basieren auf dem “Bericht des Runden Tisches zum Stadtwald Darmstadt” (2020; zu finden unter anderem hier: https://www.darmstadt.de/fileadmin/PDF-Rubriken/Leben_in_Darmstadt/Stadtgruen/Forsten__Biotopschutz__Stadtbaeume/Bericht_Runder_Tisch_Wald_2021-01-05.pdf )

Mrz 062022
 

Im nach PEFC-Standard zertifizierten Gemeindewald Bickenbach fanden zuletzt Forstarbeiten statt, die uns Anwohner und Spaziergänger besorgt gemeldet haben: Es sehe dort wüst aus, und die Arbeiten hinterlassen starke Schäden an Waldboden, Bäumen und Büschen – die hiesige Flora und Fauna werde äußerst in Mitleidenschaft gezogen. Auf Rückfrage teilte die Revierforstleitung einer im NABU aktiven Anwohnerin mit, dort werde schonend gearbeitet, nur alte Schneisen würden befahren und nur abgestorbene Kiefern entnommen.

Bei darauf folgenden Begehungen von Seiten des NABU Seeheim-Jugenheim stellte sich ein von dieser Schilderung deutlich abweichendes Bild dar: Der Wald machte nicht nur optisch einen völlig desolaten Eindruck – pfleglicher oder schonender Umgang war nicht erkennbar – es deutete auch alles darauf hin, dass bei den Forstarbeiten gegen PEFC-Richtlinien verstoßen wurde.

Rückegassen

Jeder Eingriff in den Waldboden stellt eine Schwächung des Ökosystems Wald dar. Je mehr Bodenverdichtung durch Maschinen, umso weniger Wasser und Nährstoffe kann der Waldboden speichern. Wasser kann hier nicht mehr in den Boden eindringen, die Durchwurzelung ist gestört und das sensible Mykorrhizanetzwerk, das die Versorgung der Bäume untereinander mit Wasser und Nährstoffen regelt, wird zerstört. Es entweichen an diesen Stellen klimaschädliche Gase wie Methan und Lachgas. Der Waldboden wird sich je nach Verdichtungsgrad für Jahrzehnte bis Jahrhunderte nicht mehr regenerieren können, da seine typischen Bodeneinschaften verlorengegangen sind. Aus diesem Grunde ist die Befahrung von Waldböden in den PEFC-Richtlinien geregelt.

Der PEFC-Standard fordert: „Systematische Feinerschließungssysteme sollten wie folgt angelegt werden:
a) Rückegassen sollten möglichst geradlinig und parallel zueinander angelegt werden.“
In Richtlinie 2.5 wird  festgelegt: „Flächiges Befahren wird grundsätzlich unterlassen. Es wird ein dauerhaftes Feinerschließungsnetz aufgebaut, das einem wald- und bodenschonenden Maschineneinsatz Rechnung trägt. Der Rückegassenabstand beträgt grundsätzlich mindestens 20 m. Bei verdichtungsempfindlichen Böden werden größere Abstände angestrebt.“

Bei Bickenbach beobachtet man demgegenüber Abweichendes bis Gegenteiliges:

Rückeplatz statt Rückegassen
Übermäßige Bodenschäden durch unsystematische Anlage der Rückegassen
Rückegassen mit mehreren Gassenarmen
In mehrere Richtungen verzweigte Rückegassen
  • In einem der beiden Waldstücke verlaufen die Rückegassen nicht systematisch, wie durch PEFC-Richtlinien gefordert, sondern teils im Bogen, quadratisch oder deltaförmig (Kreuzungen mit drei und mehr Gassenarmen).
  • An mehreren Stellen ist abseits der Gassen in den Bestand gefahren worden.
  • An anderen Stellen verlaufen die Gassen zwar parallel in einem Rastersystem, die Abstände sind jedoch sehr unregelmäßig und unterschreiten mehrmals den vom PEFC-Standard vorgeschriebenen Mindestwert von 20 Metern: Eine übermäßige und unnötige Bodenverdichtung und eine starke Schwächung des Waldes.

Rückegassenchaos
  • Mehrere Gassen verlaufen im Abstand von 10 bis 20 Metern parallel zu Straßen oder Waldwegen!
  • Viele Gassen sind nicht als solche gekennzeichnet – auch das ein Verstoß gegen PEFC-Richtlinien.
Rückegasse unmittelbar neben dem Waldweg
Alte Wuchshüllen müssen entsorgt werden

Wuchshüllen

Im PEFC-Standard steht eindeutig:

„2.8 Zum Schutz des Waldökosystems vor
Kunststoffrückständen wird der Einsatz von Produkten aus erdölbasierten Materialien wie Wuchshüllen, Fege-/Verbiss-/Schälschutz und Markierungsbändern möglichst vermieden. Soweit am Markt verfügbar und wirtschaftlich zumutbar, sollten Produkte verwendet werden, deren Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen stammen. Nicht mehr
funktionsfähige Wuchshüllen und solche, die ihren
Verwendungszweck erfüllt haben, werden aus dem Wald
entnommen und fachgerecht entsorgt.“

In der Fläche in Ortsnähe befinden sich jedoch einige nicht mehr benötigte Plastikschutzhüllen auf dem Waldboden.

Fäll- und Rückeschäden

Eine weitere Problematik, die wir hier wie andernorts nahezu immer beobachten: Fäll- und Rückeschäden am Bestand. Jede Schädigung bedeutet eine Schwächung des Baumes. Pilze und Baktererien können durch die Wunden eindringen, ihn krank machen und wirtschaftlich entwerten.

Wir sehen, dass sehr viel Jungwuchs standortgerechter Baumarten zerstört oder beschädigt wurde und dass Bäume mittleren Alters durch Maschinen beschädigt wurden (Schrammen an der Rinde, abgebrochene Äste, etc.).

Geschwächter Bestand durch Fällschäden
Jungwuchs von heimischen Baumarten wurde zerstört
(ein Kirschbaum links im Bild)
Von Forstmaschinen gezeichnete junge Buchen

Biotopbäume

Es sind wenige bis gar keine Biotopbäume (Habitatbäume) ausgezeichnet. Wir können das zwar nicht abschließend feststellen, uns ist aber kein einziger aufgefallen.

Halbwahrheiten

Die Revierleitung ließ verlauten, es wären ausschließlich abgestorbene Kiefern gefällt worden, was unserer Beobachtung nach nicht der Wahrheit entspricht. Liegengebliebenes Kronenmaterial wirkt (ehemals) vital, und am Wegesrand finden sich auch Holzstapel mit unserem Eindruck nach völlig gesunden Kiefern (und auch anderen Baumarten wie etwa Birken). Zwar ist der Großteil durchaus „Käferholz“ und/oder anderweitig geschädigt. Das wenigste wäre aber relevant in Bezug auf die Verkehrssicherungspflicht, weil die Fäll- und Erntemaßnahmen überwiegend weitab von Wegen und Straßen durchgeführt wurden. Die Bäume stehen zu lassen, hätte der folgenden Waldgeneration sehr gut in Form stehenden und liegenden Totholzes als Startkapital, Sonnen-, Wind- und natürlicher Verbiss-Schutz dienen können.

Wir finden den Umgang mit diesen beiden Waldgebieten, die nur exemplarisch für weite Teile der Wälder in der Umgebung stehen, Besorgnis erregend und auch relevant für eine Prüfung durch PEFC.

Klimakrise im heimischen Wald

Die entscheidende Frage ist: Wird dieser Wald nach den Eingriffen besser gewappnet sein, um im Klimawandel zu bestehen?
Wir können diese Frage mit einem klaren Nein beantworten. Er wurde durch die Eingriffe massiv in seiner Regenerationsfähigkeit geschwächt. Das Gebiet weist zusätzlich zu Boden- und Bestandesschäden eine massive Auflichtung des Kronendachs auf, was das Waldinnenklima nachhaltig stört. Hitzestress und Trockenheit schwächen den Wald und führen zu weiteren „erforderlichen“ Maßnahmen – eine verhängnisvolle Abwärtsspirale der Walddegeneration.
Solche Umgehensweisen mit unseren Wäldern sind in Zeiten von Klimawandel, Wald- und Artensterben nicht mehr tolerierbar. Die Gemeinde Bickenbach steht in der Verantwortung, ihre Wälder vor schädigenden Eingriffen zu schützen und einen pfleglichen Umgang mit ihnen einzufordern.

Welche Prioritäten hat die Forsteinrichtung der Gemeinde Bickenbach für ihre Wälder festgelegt?

In der Forsteinrichtung der Gemeinde Bickenbach ist festgelegt: „Der Gemeindewald spielt für die Erholung der Bevölkerung eine überragende Bedeutung“. Wir können nicht erkennen, dass dieser hier formulierten Funktion des Waldes als Erholungswald Rechnung getragen wurde.
Die Klimaschutzfunktion erhält in der Forsteinrichtung eine hohe Bedeutung. „In der Rhein-Main-Ebene ist die Klimaschutzfunktion des Waldes von hoher Bedeutung“. Die übermäßigen Eingriffe in Waldboden (Wasserspeicher) und Kronendach sind mit der Forsteinrichtung nicht vereinbar.
Die Holzproduktion ist der Schutz- und Erholungsfunktion in der Forsteinrichtung eindeutig nachgeordnet. Sie darf nicht der Grund sein, dass es dem Wald schlechter geht als vorher, sodass er in der Wahrnehmung seiner wichtigsten Funktionen gestört ist.

In dem am 26.2.2022 im Darmstädter Echo erschienenen Artikel „Bickenbach plant Wiederaufforstung“ wird der Bürgermeister von Bickenbach Herr Hennemann folgendermaßen zitiiert: „Wir handeln hier zusammen mit Hessen Forst verantwortlich im Spannungsfeld zwischen Baumerhalt und der Unversehrtheit der Menschen“. Dieses verantwortliche Handeln ist für uns nicht erkennbar.
Eine Aufforstung wurde erst dadurch „nötig“ gemacht, dass zuvor eine wenig vorausschauende Holzernte durchgeführt wurde, mit dramatischen Folgen für die Regenerationsfähigkeit des Waldes. Das Einbringen von klimaresistenten Baumarten wäre auf schonende Weise möglich gewesen.
Wir hatten die Gemeinde als Waldbesitzer und die Revierleitung um eine Stellungnahme zu unseren Beobachtungen bis zum 2.3.2022 gebeten, aber bislang keine bekommen. Stattdessen findet in der Lokalpresse Öffentlichkeitsarbeit statt, der wir hiermit fundiert und belegt widersprechen.

Die Gemeinde Bickenbach vertreibt ihr Holz über den „Holzkontor Darmstadt-Dieburg-Offenbach AöR“, der auf der Webseite angegeben hatte, dass der Bickenbacher Wald sowohl PEFC- als auch FSC-zertifiziert ist. Aufgrund dieser Information sind wir zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unseres Artikels (6.3.2022) davon ausgegangen, dass die Bickenbacher Wälder FSC-zertifiziert sind (siehe Screenshot). Wie wir gesehen haben, wurde diese Angabe Stand heute (14.3.2022) entfernt. Wir haben unseren Artikel entsprechend geändert.

Jul 042021
 

Schützt das Naturschutzgebiet am Felsenmeer!

Wir fordern ein Ende der forstwirtschaftlichen Nutzung des Naturschutzgebietes Felsberg/Felsenmeer im Lautertal!

Hier geht es zur Petition: https://www.change.org/p/gemeinde-lautertal-sch%C3%BCtzt-das-naturschutzgebiet-am-felsenmeer

Adressaten: Gemeinde Lautertal, Gemeinde Bensheim, Privatwaldbesitzer Felsberg, HessenForst, Regierungspräsidium Darmstadt, Landkreis Bergstraße, GEO Naturpark Odenwald-Bergstraße, Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Europäische Kommission

1. Forderung

Das Felsenmeer auf dem Felsberg im Lautertal zählt zu den herausragenden Naturräumen Europas. Aus diesem Grunde hat die Europäische Union das Naturschutzgebiet Felsberg 2008 zum Natura 2000 Gebiet erhoben. Das Schutzziel dieses Flora-Fauna-Habitats ist es, den natürlichen Lebensraum von Pflanzen und Tieren zu erhalten. Der Wald am Felsberg ist ein Ort von überregionaler Bekanntheit. An diesem Ort wird die Verschmelzung von Natur, Geologie und Historie auf einzigartige Weise erlebbar. Der Felsberg ist Teil des UNESCO Global Geoparks Bergstraße-Odenwald.

Das Naturschutzgebiet wird von vielen Menschen aufgesucht, weil es in seinem Charakter unverkennbar ist. Zwischen den Felsen, die einst von Römern behauen wurden, wachsen formschöne Bäume. Ihre beeindruckenden, teils riesigen Wurzelgeflechte verwachsen mit den Felsen. Der Buchenwald gibt diesem Ort seine eindrucksvolle und einzigartige Ästhetik.

Dieses Naturparadies ist jedoch durch teils massive forstliche Eingriffe existenziell bedroht. Der besondere Charakter geht durch die vielen Baumfällungen Stück für Stück verloren. Aus den knorrigen Wurzelgeflechten ragen an vielen Stellen keine beeindruckenden Bäume mehr, sondern nur noch deren Stümpfe. Die Fällungen setzen einen Domino-Effekt in Gang: Durch das Eindringen von Trockenheit erleiden immer mehr Bäume Trockenschäden, die dann ebenfalls gefällt werden. Einige Bäume tragen sichtbare Wunden, die ihnen durch Forstmaschinen und bei Fällarbeiten zugefügt wurden. Hinzu kommen unsichtbare Schäden durch die von Maschinen verursachten Wurzelabrisse. Böden und deren Porenvolumen werden durch tonnenschwere Forstmaschinen verdichtet und damit nachhaltig geschädigt. Kahlschläge führen zur Verarmung des Waldbodens, zum Verlust von Nährstoffen für das Waldwachstum und zur Zerstörung des Waldinnenklimas. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Behandlung von Wäldern im Klimawandel werden bei den forstlichen Maßnahmen bisher nicht ausreichend berücksichtigt, sodass der Wald in den kommenden Jahrzehnten immer weniger in der Lage sein wird, sich den veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen. Die Stabilität des Waldes und seine Resilienz gegenüber den Klimawandelfolgen sind in Gefahr. Die Eingriffe gefährden die Schutzziele, darunter vor allem den Erhalt der Buchenwaldgesellschaften.

Der Entschluss für einen besseren Schutz dieses Gebietes zu kämpfen, entstand in einer Gruppe von Naturfotografen und Naturschützern, die nicht mehr zusehen konnten, wie ein Baum nach dem anderen dort verschwindet. Mittlerweile haben sich dieser Petition Naturschutzgruppen und Bürgerinitiativen aus der Region angeschlossen. Sie möchten dieses besondere Schmuckstück der Natur bewahren und setzen uns für den Schutz dieses Gebietes ein. Auch ohne forstliche Nutzungen ist der Wald durch eine Vielzahl von Stressfaktoren, wie Klimawandelfolgen, Stickstoffeinträge und hohes Besucheraufkommen akut gefährdet. In diesem Spannungsfeld muss der Patient Wald von jeglichen forstlichen Maßnahmen verschont bleiben. Schon seit 2011 war eine Teilstilllegung im Gemeindegebiet Lautertal geplant, die aber seither nicht umgesetzt wurde.

Wir fordern deshalb ein Ende jeglicher forstwirtschaftlichen Nutzung im Naturschutzgebiet Felsberg / Felsenmeer im Lautertal!

Aus unserer Hauptforderung ergeben sich zusätzliche nötige Maßnahmen:

  • Da der Wald durch die forstlichen Eingriffe und Bodenverdichtung durch Waldbesucher und Maschinen an einigen Stellen gelitten hat, ist es notwendig, Ersatzpflanzungen und Schutzmaßnahmen in den stark aufgelichteten und stark verdichteten Bereichen vorzunehmen und Kahlschlagsflächen wiederzubewalden. Dabei sollten nur Wildlingspflanzen aus den Beständen vor Ort zur Verwendung kommen. Stark frequentierte Zonen im Bereich der Felsen sollten insofern von der Überführung in die natürliche Entwicklung ausgenommen sein, als dass Ersatzpflanzungen und Schutz der vorhandenen natürlichen Verjüngung in diesen Bereichen auch in Zukunft vorgenommen werden können. Im Rahmen eines intelligenten Neophytenmanagement sollte für die Eindämmung von Neophyten (nicht gebietsheimische Pflanzenarten) Sorge getragen werden.
  • Für touristisch stark frequentierte Zonen müssen Konzepte zur Besucherlenkung entwickelt werden, die ein gesundes Nebeneinander von Natur und Mensch ermöglichen. Der Wald auf dem Felsberg soll Waldbesuchern weiterhin als ein Ort der Erholung und des Naturerlebens dienen. Eine Verkehrssicherungspflicht im Wald und an Waldwegen besteht grundsätzlich nicht für waldtypische Gefahren. (siehe Urteil des Bundesgerichtshofes von 2. Oktober 2012 – VI ZR 311/11). Der Waldbesucher wird auf den Tatbestand, dass das Betreten von Waldwegen und Wald auf eigene Gefahr erfolgt, beim Eintritt in den Wald hingewiesen. Er erhält darüber hinaus hilfreiche Informationen über waldtypische Gefahren und in Naturwäldern ablaufende Prozesse. Dennoch sollte für die Sicherheit der Waldbesucher Sorge getragen werden: Bei akuten Gefährdungen von Waldbesuchern durch evtl. abbrechende Äste etc. an Waldwegen sollten zunächst alternative Methoden wie z.B. gezielte Totholzentfernung oder Warnschilder der Fällung von Bäumen vorgezogen werden, damit weitere schädliche Auflichtungen des Kronendachs vermieden werden. Wird eine Fällung notwendig, verbleibt der Baum als wertvolle Biomasse im Bestand.

Was wird dadurch verändern?

  • Ein Verzicht auf die Holznutzung wird eine natürliche Waldentwicklung zur Folge haben mit viel Totholz, Höhlenbäumen und lebensraumtypischen Baumarten. Es entwickelt sich auf diese Weise nach und nach ein Wald, der nebeneinander alle Lebensphasen seiner Bäume beinhaltet. Die Artenvielfalt in diesem Gebiet wird sich dadurch erhöhen, dass Bäume wieder alt werden dürfen und in ihrem Wachstums- und Zerfallsprozess vielen verschiedenen Arten von Lebewesen ein Zuhause geben können. Arten können sich dem Klimawandel anpassen und langfristig lokal überlebensfähige Populationen entwickeln. Viele spezialisierte Tier- und Pflanzenarten sind auf ein beständiges Waldinnenklima und auf stark dimensioniertes Alt- und Totholz angewiesen. Diese hätten eine Chance, sich langfristig anzusiedeln.
  • Nachfolgende Generationen erhalten die Möglichkeit, natürliche Lebensgrundlagen erleben zu können, wie es im Grundgesetz im Artikel 20a festgehalten ist. Sie können biologische Vielfalt und die mit ihr verbundenen natürlichen Prozesse erleben und daraus lernen. Auch unsere Generation wird von Ökosystemleistungen des geschonten Waldes profitieren. Dabei spielt die Erholungsfunktion eine Rolle, aber auch die Funktion des Waldes als CO2-Speicher und wichtigem Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel.
  • Dadurch, dass keine schweren Forstmaschinen mehr durch die Wälder fahren und bewaldete Stellen nicht mehr zu Kahlflächen werden, wird der Waldboden, das wichtigste Kapital des Waldes, geschont. Er kann auf diese Weise Kohlenstoff, Nährstoffe und Wasser optimal speichern. Die unterirdische Versorgung der Bäume wird dort gut funktionieren, wo er noch nicht nachhaltig geschädigt wurde. Es kommt zu keiner weiteren Befahrung von wertvollen Waldböden. Geschädigten Böden gibt man die Möglichkeit zur Regeneration. Rücke- oder Fallschäden kommen nicht mehr vor.
  • Die Waldbestände bekommen die Möglichkeit, wieder dichter zu werden, was für den Erhalt des Buchenwaldes im Klimawandel von entscheidender Bedeutung ist. Mit der natürlichen Sukzession soll ein Zustand erreicht werden, der den Zielsetzungen Biodiversität, Erhaltung der natürlichen Waldgesellschaften, Bodenschutz, Klimaschutz, Wasserschutz und Schutz des geologischen und kulturellen Bodendenkmals in höchstem Maße gerecht wird.
  • In Deutschland werden aktuell nur 2,8% aller Wälder ihrer natürlichen Entwicklung überlassen. Dieser Anteil muss sich nach der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung signifikant erhöhen. Diese Ziele wurden bisher verfehlt. Der Holznutzungsverzicht im Naturschutzgebiet Felsberg im Lautertal könnte einen wichtigen Beitrag leisten, mehr natürliche Prozesse in den Wäldern Deutschlands zuzulassen.

Diese Petition wurde initiiert von:

  • NABU Seeheim-Jugenheim
  • einer Gruppe von Natur- und Landschaftsfotografen („Fotografen für das Naturschutzgebiet Felsberg“)

Folgende Vereine, Verbände und Bürgerinitiativen haben sich dieser Petition angeschlossen:

  • NABU Kreisverband Bergstraße sowie folgende Ortsgruppen
    • NABU OG Stadtverband Bensheim/Zwingenberg
    • NABU OG Elmshausen
    • NABU OG Lautertal
  • NABU Landesverband Hessen
  • NABU Kreisverband Darmstadt
  • BUND Kreisgruppe Bergstraße
  • Greenpeace Darmstadt
  • Greenpeace Mannheim-Heidelberg
  • Greenpeace Frankfurt
  • Bürgerinitiative Pro Walderhalt e.V.
  • Waldwende Jetzt!
  • Botanische Vereinigung für Naturschutz in Hessen – Kreisgruppe Bergstraße

2. Begründung und weiterführende Informationen

Die forstlichen Maßnahmen am Felsberg verursachen eine Reihe von Folgewirkungen, die das Waldwachstum nachhaltig negativ beeinflussen.

  • Immer mehr Bäume, insbesondere Altbuchen, verschwinden aus diesem schützenswerten Naturraum. Die für den Fortbestand eines Waldökosystems wichtige Generation der alten Bäume ist kaum mehr vertreten. Der ursprüngliche Charakter und das ästhetische Gesamtbild des Waldes gehen Stück für Stück unwiederbringlich verloren. Stattdessen entstehen unnatürliche Lichtungen und Kahlflächen. Wo Bäume gefällt wurden und wo sich aus eigener Kraft keine Bäume mehr etablieren können wie in den stark verdichteten Bereichen, wurden keine Ersatzpflanzungen vorgenommen. Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass Waldbestände, in denen das Kronendach geschlossen gehalten wurde und das Bestandsinnenklima intakt ist, widerstandsfähiger, vitaler und in Trockenzeiten kühler sind. Das bedeutet, dass der Verlust des Kronendaches mit einer zusätzlichen drastischen Erwärmung einhergeht, die sich negativ auf die Gesundheit der verbleibenden Pflanzen am Waldboden und Bäume in der Nähe auswirkt. Die Buchen leiden unter der verstärkten Sonneneinstrahlung und dem Eindringen von Trockenheit, Sonnenbrand führt zum Aufbrechen der glatten Borke. Windwurf wird durch die Maßnahmen zudem wahrscheinlicher. All das führt zu einer sich selbst verstärkenden Abwärtsdynamik und zur Schädigung weiterer Bäume. (https://www.wsl.ch/de/2020/04/baumkronen-schuetzen-waldlebewesen-vor-klimaerwaermung.html#tabelement1-tab2, https://science.sciencemag.org/content/368/6492/772
    https://www.nature.com/articles/s41559-019-0842-1)

  • Durch die Befahrung des Waldbodens mit schweren Forstfahrzeugen, wie Sie auf dem Felsberg praktiziert wird, werden die Eigenschaften des Waldbodens auf Jahrzehnte bis Jahrhunderte zerstört: Wasser- und Nährstoffspeicherfähigkeit gehen verloren, das für den Wald überlebenswichtige unterirdische Netz unzähliger Bodenorganismen wird vernichtet. Wissenschaftliche Studien haben die Folgen der Befahrung des Waldbodens durch schwere Forstfahrzeuge vielfach dokumentiert und erforscht. Lebenswichtige Bodeneigenschaften, Wasser- und Nährstoffspeicherfähigkeit gehen verloren, Bodenorganismen und Mykorrhiza werden abgetötet. (https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/landtechnik/schwere-forstmaschinen-beeintraechtigen-waldboden-erheblich/ ). Werden durchweichte Böden befahren, wiegen die Schäden noch schwerer. Immer wieder kommt es vor, dass diesbezüglich Richtlinien zum Bodenschutz nach dem PEFC Standard, nach dem die Wälder Lautertals zertifiziert sind, nicht beachtet werden. Das war in dieser Einschlagssaison an verschiedenen Stellen auf dem Felsberg in unmittelbarer Nähe zum Naturschutzgebiet zu sehen.
  • Es wurden zudem Kahlschläge auf Fichten- und Kiefernflächen vorgenommen. Das Holz wurde zu großen Teilen abtransportiert. Damit wurde dem verbleibenden Waldbestand wichtige Biomasse entnommen. Kahlschläge sind ganz allgemein, speziell aber innerhalb eines Naturschutzgebiets nicht zu rechtfertigen. Totholz und tote „Käferbäume“ sollten im Wald belassen werden, weil sich dadurch die Artenvielfalt erhöht und sich natürliche Feinde des Borkenkäfers vermehren können. Im Schatten der alten Bäume und des Totholzes kann eine neue, gesündere und diversere Waldgeneration heranwachsen. Durch Kahlschläge wird zudem die Anfälligkeit angrenzender Waldflächen erhöht und der Verbiss junger Bäume für Rehe und Wildschweine erleichtert. (https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/insekten/kaeferbaeume-stehen-lassen).
  • Bei den Forstarbeiten wurden viele Bäume verletzt. Feuchtigkeit und Pilze dringen durch die Wunden in das Innere des Baumes ein und machen ihn anfälliger für Krankheiten. Viele Bäume leiden unter Wurzelabrissen durch Forstfahrzeuge.
  • Es wurden Pflanzungen mit Douglasien vorgenommen. Diese nicht heimische Baumart innerhalb des NATURA 2000 Gebietes anzupflanzen, entspricht nicht der Flora-und-Fauna-Richtlinie.
  • Es ist uns bewusst, dass dieses Waldgebiet ein hohes Besucheraufkommen hat. Die Entscheidung, ob ein Baum zur Sicherheit der Waldbesucher gefällt wird, sollte gut überlegt sein, da jede weitere Auflichtung weitere Folgeschäden am verbleibenden Bestand nach sich zieht. Auflichtungen und Beeinträchtigungen des Waldinnenklimas sind in Anbetracht der klimatischen Prognosen Gift für den Wald, der weitere Schädigungen aufgrund von Trockenheit nach sich zieht. Der Wald braucht zudem kranke und tote Bäume, um seine in ihm lebenden Arten zu erhalten. Alternativen zur Fällung wie Totholzentfernung sollten Vorrang vor einer Fällung haben, falls Waldbesucher akut gefährdet sind. Wird eine Fällung notwendig, sollte der Baum zur Totholzanreicherung im Wald verbleiben. Es besteht auch die Möglichkeit, Waldbesucher auf Schildern auf waldtypischen Gefahren hinzuweisen, um die Sensibilität zu erhöhen.

Es müssen also alternative Wege gefunden werden, um dem Wald eine Chance zu geben, im Klimawandel zu bestehen. Andere Forstbetriebe haben diesbezüglich schon Lösungen gefunden, wie z.B. die Forstbetriebsgemeinschaft Saar-Hochwald: https://www.fbg-saarland.de/pdf/SZ-Bericht%20FBG%2020.01.2021.pdf

Die Verkehrssicherungspflicht wird häufig als eine unumgängliche Tatsache hingestellt. Fakt ist: Der Bundesgerichtshof hat in einem Urteil 2012 klargestellt, dass das Betreten von Wald und Waldwegen auf eigene Gefahr erfolgt. Ein Urteil des Oberlandesgericht Naumburg vom Dezember 2020 machte deutlich, dass es auch keine Verkehrssicherungspflicht im Wald für akute Gefahren, sogenannte „Megagefahren“ gibt. Das gilt auch für stark frequentierte Wanderwege und Premiumwanderwege. Grundsätzlich gilt: Der Waldbesucher ist für seine eigene Sicherheit selbst verantwortlich.

Das Felsenmeer und der größte Teil des Felsbergs sollten eigentlich durch ihre Ausweisung als Naturschutzgebiet, Natura-2000-Gebiet und Bodendenkmal vielfach gegen derartige Fehlgriffe geschützt sein. Fakt ist aber: Ein tatsächlicher Schutz findet nicht statt.

Der Schutzstatus dieses einzigartigen Naturschutzgebiets wurde von den Forstbetrieben bisher nicht ernst genommen. Die Besitzer des Waldes, die Gemeinden Lautertal und Bensheim haben sich bisher nicht darum bemüht, diesem Naturschutzgebiet den Schutz zu geben, den es für seinen Fortbestand braucht. Vordergründig wirtschaftliche Interessen stehen im Blickpunkt forstlichen Handelns. Der Schutz der Natur spielt eine geringe Rolle. Die oben genannten Probleme verstärken sich gegenseitig. Bei Fortführung der bisherigen forstwirtschaftlichen Methoden hat der Wald keine Chance, im Klimawandel zu bestehen. Das eigentliche wirtschaftliche Potenzial des Waldgebietes ist in der Biodiversität, dem genetischen Pool des Baumbestandes, der medizinischen Leistung des Waldes und seiner ausgesprochen hohen Attraktivität für den Tourismus zu finden.

Im Bewirtschaftungsplan für das FFH-Gebiet Felsberg bei Reichenbach heißt es:

„Das Leitbild für die Wälder ist die Erhaltung und Förderung naturnaher und strukturreicher Bestände mit stehendem und liegendem Totholz, Höhlen- und Habitatbäumen und lebensraumtypischen Baumarten in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen und Altersphasen.“

Die forstwirtschaftliche Praxis steht diesem Leitbild diametral gegenüber und ist mit dem Schutzzweck unvereinbar. In bewirtschafteten Wäldern wird der Großteil der Bäume im ersten Drittel ihrer Lebenszeit gefällt. Forstliche Standards sind nicht hinreichend definiert, ein Qualitätssicherungssystem ist nicht existent. Die „ordnungsgemäße Forstwirtschaft“ hat in dem Waldgebiet bereits jetzt schwere, teils irreparable Schäden verursacht.

Um weitere Schäden zu verhindern und um die Wälder auf dem Felsberg zu erhalten, brauchen wir Ihre Unterstützung. Bitte unterzeichnen Sie unsere Petition:

Link zum Artikel: Kein Schutz für ein Naturschutzgebiet: https://nabu-seeheim.de/felsenmeer/

Berichte in der Presse:

„Wenn die Buchen schwinden“ in der taz vom 28.8.2021:

https://taz.de/Waldsterben-in-Deutschland/!5793666/

„Petition zum Schutz des Felsbergwaldes in Lautertal“ im Bergsträßer Anzeiger vom 22.07.2021: 

https://www.bergstraesser-anzeiger.de/orte/lautertal_artikel,-lautertal-petition-zum-schutz-des-felsbergwaldes-in-lautertal-_arid,1826490.html

„Jeder Baum ist anders“ Petition für den Felsberg / Yvonne Albe im Interview:

https://www.plegge-medien.de/images/stories/archiv/db/2021/db_27_2021.pdf

„Kein Schutz für ein Naturschutzgebiet“ in der Frankensteiner Rundschau, Mai 2021, Seite 6:

https://www.frankensteiner-rundschau.de/wp-content/uploads/Bergstrasse_Web-13.pdf

„Naturschutzbund fordert mehr Schutz für den Wald am Felsenmeer“ im Bergsträßer Anzeiger vom 21.04.2021:

https://www.bergstraesser-anzeiger.de/orte/lautertal_artikel,-lautertal-naturschutzbund-fordert-mehr-schutz-fuer-den-wald-am-felsenmeer-_arid,1786235.html

„Uneinigkeit über Waldzerstörung am Felsberg“ im Darmstädter Echo vom 19.04.2021:

https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt-dieburg/seeheim-jugenheim/uneinigkeit-uber-waldzerstorung-am-felsberg_23545820

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