Mrz 162021
 

Fällungen, Bodenzerstörungen und Baumschäden im Natura 2000 Gebiet Felsberg im Lautertal

Das Felsenmeer auf dem Felsberg im Lautertal zählt zu den herausragenden Naturräumen Europas. Aus diesem Grunde hat die Europäischen Union das Naturschutzgebiet Felsberg zum Natura 2000 Gebiet erhoben. Das Schutzziel dieses Flora-Fauna-Habitats ist es, den natürlichen Lebensraum von Pflanzen und Tieren zu erhalten.

Zahlreiche Fotografien zeugen von der Einmaligkeit dieses Naturschutzgebietes, wie auch diese Fotografie von Yvonne Albe. Das Foto zählt zu den Gewinnerbildern des diesjährigen Fotowettbewerbs des Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald.

Foto: Yvonne Albe

Schockierend sind dagegen aktuelle Bilder vom Felsberg: Direkt an der fotografierten Szene wurden kürzlich Bäume gefällt. Dieses Vorgehen ist kein Einzelfall. Immer mehr Bäume verschwinden aus diesem schützenswerten Naturraum. Alte Bäume gibt es kaum noch. 2019 wurde durch die Fällung mehrerer Bäume in diesem Bereich das Kronendach erheblich aufgelichtet. Anfang 2021 wurden weitere Lücken geschlagen. Das Waldinnenklima wurde zerstört und der Wald anfälliger gegen Trockenschäden gemacht. Ersatzpflanzungen erfolgten keine.

Studien zum Waldinnenklima und zur Kronendachbedeckung zeigen, dass Waldbestände, in denen das Bestandesinnenklima intakt ist, stabiler und in Trockenzeiten kühler sind. Das bedeutet, dass der Verlust des Kronendaches mit einer zusätzlichen, drastischen Erwärmung einhergeht, die sich negativ auf die Gesundheit der Pflanzen am Waldboden und auf Bäume in der Nähe auswirkt. (https://science.sciencemag.org/content/368/6492/772, https://www.nature.com/articles/s41559-019-0842-1). Windwurf wird durch die Maßnahmen zudem wahrscheinlicher.

Der einmalige Charakter des Bodendenkmals ist in Gefahr zerstört zu werden.
Foto: Laurent Pasteau
Die Schönheit währt nicht lange: Immer mehr Bäume werden im Natura 2000 Gebiet Felsberg gefällt.
Foto: Laurent Pasteau

Bei den Forstarbeiten wurden zudem viele Bäume verletzt. Die durch Forstmaschinen verletzten Bäume haben keine guten Überlebenschancen. Feuchtigkeit und Pilze dringen durch die Wunden in das Innere des Baumes ein und machen ihn anfälliger.

Es ist zudem zu Kahlschlägen gekommen, wo kranke Fichten und Kiefern entnommen wurden. Diese Vorgehensweise ist innerhalb eines Naturschutzgebietes zu hinterfragen. Wissenschaftler befürworten, tote Käferbäume aus mehreren Gründen stehen zu lassen. Die Artenvielfalt wird durch das Totholz erhöht und die natürlichen Feinde des Borkenkäfers können sich so besser vermehren. Auch tote Bäume spenden Schatten und sind damit wichtig für den Erhalt des Waldinnenklimas und die nachwachsende Baumgeneration. Durch die Entnahme der Bäume wird die Anfälligkeit der angrenzenden Waldflächen zudem erhöht (https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/insekten/kaeferbaeume-stehen-lassen).

Kahlschlag im Felsberggebiet 2020
49°43’46.4″N 8°41’56.0″E
Foto: Yvonne Albe
Fällungen alter Buchen.
Foto: Yvonne Albe

An anderen Stellen auf dem Felsberg wurden dieses Jahr bei Forstarbeiten Bodenschäden und weitere Baumschäden durch Forstmaschinen dokumentiert.

Die Forstwissenschaft hat die Folgen der Befahrung des Waldbodens durch Forstfahrzeuge vielfach dokumentiert und erforscht. Die Bodeneigenschaften, die Wasser- und Nährstoffspeicherfähigkeit geht verloren, wichtige Bodenorganismen wie Pilze und Waldbodenbewohner werden unwiederbringlich zerstört. Werden durchweichte Böden befahren, wiegen die Schäden noch schwerer. Im unteren Teil des Felsberges wurden nichtsdestotrotz in dieser Einschlagsaison bei starken Regenfällen Durchforstungsmaßnahmen mit schweren Maschinen vorgenommen. Ein Film und Bilder zeigen die Schwere der Bodenschäden: https://albe.smugmug.com/Photography/Wald/Sch%C3%A4den-am-Felsberg/n-sp9Sv7/i-pQdkKqf/A

Blaue Markierungen zeigen Waldabschnitte, die durch forstwirtschaftliche Eingriffe besonders in Mitleidenschaft gezogen wurden.
NSG Felsberg: Tiefe Fahrspuren verdichten den Waldboden.
Foto: Frank Schwabe
NSG Felsberg: Starke Bodenverdichtung und Baumschäden.
Foto: Frank Schwabe
Fällarbeiten an den Römersteinen 2019.
Foto: Yvonne Albe
Forstmaschinen verdichten den Waldboden.
Foto: Yvonne Albe

Es ist uns bewusst, dass dieses Waldgebiet ein hohes Besucheraufkommen hat. Dennoch dürften Fällungen aus Gründen der Verkehrssicherheit nur in dem Umfang stattfinden, in dem die Gesundheit des Waldes keinen Schaden leidet. Auflichtungen und Beeinträchtigungen des Waldinnenklimas sind in Anbetracht der klimatischen Prognosen Gift für den Wald, der weitere Schädigungen aufgrund von Trockenheit nach sich zieht. Der Wald braucht zudem kranke und tote Bäume, um seine in ihm lebenden Arten zu erhalten. Hier müssen andere Wege gefunden werden, um dem Wald eine Chance zu geben, im Klimawandel zu bestehen. Andere Forstbetriebe haben diesbezüglich schon Lösungen gefunden, wie z.B. die Forstbetriebsgemeinschaft Saar-Hochwald: https://www.fbg-saarland.de/pdf/SZ-Bericht%20FBG%2020.01.2021.pdf

Da in Naturschutzgebieten die Gesundheit der Natur Vorrang haben sollte, besteht auch die Möglichkeit, Waldbesucher auf Schildern vor waldtypischen Gefahren zu warnen oder bei besonderer Gefahrenlage bestimmte Waldabschnitte zu sperren.

Die Verkehrssicherungspflicht wird häufig als eine unumgängliche Tatsache hingestellt. Fakt ist: Der Bundesgerichtshof hat in einem Urteil 2012 klargestellt, dass das Betreten von Wald und Waldwegen auf eigene Gefahr erfolgt. Ein Urteil des Oberlandesgericht Naumburg vom Dezember 2020 machte deutlich, dass es auch keine Verkehrssicherungspflicht im Wald für akute Gefahren, sogenannte „Megagefahren“ gibt. Das gilt auch für stark frequentierte Wanderwege und Premiumwanderwege. Grundsätzlich gilt: Der Waldbesucher ist für seine eigene Sicherheit selbst verantwortlich.

Das Felsenmeer und der größte Teil des Felsbergs ist durch seine Ausweisung als Naturschutzgebiet, FFH-Gebiet, Natura 2000-Gebiet vielfach geschützt. Darüber hinaus trägt es den Schutzstatus eines Bodendenkmals.

HessenForst ignoriert den Schutzstatus dieses einzigartigen Naturschutzgebietes. Die Gemeinde Lautertal bleibt untätig und lässt HessenForst gewähren. Die forstwirtschaftliche und touristische Komponente steht im Vordergrund. Der Schutz der Natur spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Naturschutzgebiete machen in Hessen nur 1,7 Prozent (38.500 ha Hektar) der Landesfläche aus. Darin sind 10.929 Hektar landeseigener Wald enthalten. In Naturschutzgebieten und Europäischen Schutzgebieten muss das Ziel des Schutzes von Arten und Lebensräumen klaren Vorrang haben. Und es muss die Devise gelten: Jede Maßnahme muss einer Verbesserung des Zustandes dienen. Eigentlich sollte es da eine Selbstverständlichkeit sein, dass Wälder in Naturschutzgebieten nicht forstwirtschaftlich genutzt werden. Leider ist dies nur auf 3.100 Hektar der Fall.

Die forstliche Nutzung von Naturschutzgebieten muss endlich aufhören. Maßnahmen wie Auflichtungen, Entnahmen von Bäumen, Bodenverdichtungen sollten der Vergangenheit angehören. Wir brauchen verbindliche Regeln für unsere Schutzgebiete, die ihnen den Schutz geben, der ihnen gebührt.

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