Nov 212022
 

Eine Liebesgeschichte über Gruselspinnen

Dezember 2019

Bei einer Wohnungsauflösung habe ich eine Spinne hinter der Waschmaschine entdeckt.

Sie war größer als die mir bekannten Arten und hatte eine Zeichnung auf dem Vorderkörper, sowie auch auf dem hinteren Vorderkörper. Diese Art kannte ich nicht und fing sie mit der Glas/Pappe-Methode ein, um sie einer Spinnenexpertin zu zeigen. Sie wurde als eine Zoropsis spinimana, eine (weibliche) Kräuseljagdspinne, identifiziert. Eine Art, die vom Mittelmeerraum, durch Verschleppung und dank der Klimaerwärmung auch bei uns heimisch wird.

Die Spinne kam erst mal in ein großes Gurkenglas und wir fütterten sie mit Fliegen. Es war faszinierend zu beobachten, wie sie die Spinnen jagte.

Ein Gurkenglas war keine gute Unterbringung für Wilma, wie wir die Spinne tauften. Wir kauften eine Insektenbox aus Kunststoff, füllten Erde hinein und dekorierten diese mit Rinde und Ästen. Auch kam ein kleiner Wassernapf dazu, denn Spinnen benötigen neben Essen auch was zum Trinken.

Januar 2020

Im Januar, genauer gesagt am 23., hatte Wilma einen Kokon gesponnen und um sich noch ein Gitter, das sie für die Zeit der Brutpflege nicht verließ. In dieser Zeit beobachteten wir sie weder beim Jagen noch am Wassernapf. Ihre Beutetiere holten wir nach 2 Tagen wieder aus ihrer Box.

Februar 2020

Am 25. Februar schlüpften die Kleinen aus ihrem Kokon, den wir vorsichtshalber aus der Box von Wilma geholt hatten, um keine der zu erwartenden 40-50 Babyspinnen im Esszimmer krabbeln zu lassen.

Sobald wir Jungtierkanibalismus beobachteten, wollten wir die Kleinen fangen und in Spiderlingaufzuchtdöschen geben, um zu sehen, wie sie aufwachsen.

50 Dosen standen für die Kleinen bereit. Befüllt mit etwas Erde und mit Luftlöchern versehen.

Der Kokon lag auf einem befeuchteten Küchentuch und die Spiderlinge krabbelten aus dem Kokon und wir beförderten sie nach und nach vorsichtig in die vorbereiteten Dosen.

Und es waren zu wenige! Schnell bereiteten wir noch einige Dosen vor…

März 2020

Am 7. März hatten wir alle kleine Spinnen gefangen. 114 Spiderlingaufzuchtdosen waren gefüllt und es ging ans Füttern. Dazu holten wir Springschwänze vom Fachhandel. Die Erde war gut mit Springschwänzen durchsetzt und wir entnahmen ein bisschen davon und gaben sie in eins der Döschen. Dabei achteten wir darauf, dass die Spiderlinge uns nicht entwischen.

Wärend der 3 Stunden andauernden Fütterung konnten wir beobachten, wie die Kleinen auf Jagd nach Springschwänzen gingen. Wie Wilma pirschten sie sich lauernd an und schnappten zu.

Wilma geht wieder regelmäßig auf Jagd. Inzwischen hat sie einen Glascube, den wir mit Erde, Wassernapf, Rinde und Ästchen ausgestattet hatten. Leider geht es ihren Babyspinnen nicht so gut. Ich sortiere jeden Tag tote Spiderlinge aus, deprimierend!

13.3.2020 Am Vorabend des ersten Corona-Lockdowns…

5 gestandene Männer, unerschrockene Kämpen des Teakwondo, standen vor einer Winkelspinne, die sich in den Dojang verirrt hatte.

Ich wartete auf meinen Sohn, der sich gerade in seine Alltagskluft kleidete.

Da standen die Herren und beratschlagten, wie sie die Spinne nach draußen befödern können. Um der Diskussion ein Ende zu bereiten, kniete ich mich vor der Spinne hin und hielt eine Hand vor die Spinne, mit dem Zeigefinger berührte ich sanft den Hintern, damit die Kleine in Richtung aufgehaltener Hand lief. Kurz davor stoppte sie und nach einem weiteren sachten Berührung ihres Popo´s, lief sie auf meine Hand, wo sie dann irritiert stoppte. Da legte ich die Hand drüber und meinte zu den Herren:“Würde mir bitte jemand die Türen öffnen?“ Selten habe ich geflissenere Männer gesehen…

Ich setzte die Spinne in ein Gebüsch und meinte noch, sie müsse sich vor ihren Fressfeinden in Acht nehmen. Als ich in den Dojang zurück kam, schauten mich die Kämpen wie ein Weltwunder an. Nein, die Spinne hat mich nicht gebissen, mich hat noch nie eine Spinne gebissen, im Gegensatz zu Hunden und Katzen….

April 2020

5.4.2020

Wilma pflegt ihre zweite Brut. Die letzten 30 Spiderlinge habe ich frei gelassen, wie mir die Spinnenexpertin geraten hatte. Zu deprimierend war der Anblick der toten kleinen Spinnen. Nebenbei wird es schwierig, an Futter für sie zu kommen, oder ich weiß nicht, wo es zu bekommen ist. Unsere Expertin, von der ich auch das Futter bezog, sitzt in Thailand fest und weiß nicht, wann sie wieder in Deutschland sein wird.

Sommer 2020

Corona hält das Land weiter in seinem Griff. Mein Alltag ist geprägt von Homeoffice, Homeschooling und Garten. Zum Glück ist Sommer und Fliegen für Wilma sind reichlich vorhanden. Sie hat noch drei Bruten bewacht, jede war ein bisschen kleiner wie die vorangeganene. Eine Woche nach dem Schlüpfen fanden wir Spiderlinge überall in der Wohnung. Insgesamt hatte Wilma fünf Bruten, die erste mit 114, ca. 70-80 bei der zweiten, die dritte und vierte hatten so um die 50 Spiderlinge.

In diesem Sommer sichte ich auch in anderen Wohnungen Kräuseljagd-/Nosferatuspinnen, selbst bei meinen Schwiegereltern lebt ein tolles Exemplar im Bad…

Oktober 2020

Ein halbwüchiges Männchen der Gattung Kräuseljagdspinne ziert die Wand im Flur. Da ich gerade am Saugen bin, fange ich den „Kleinen“ ein und setzte ihn in ein Döschen, um ihn später wieder frei zu lassen, damit er sich wieder unter/hinter den Schränken verstecken darf.

Als ich ihn freilassen wollte, wunderte ich mich über die merkwürdigen eineinhalb Spinnen in der Dose.

Das Kerlchen häutete sich!

Fasziniert schaute ich zu und suchte anschließend nach einem geeigneten Cube, den ich in Form einer Ferrero Rocher-Verpackung fand. Noch schnell einige Luftlöcher hineingebohrt und dann mit Erde, Zweige und Rinde ausgestattet, fertig war das Heim für den kleinen Spinnen-Kerl. Zu Wilma hätte ich ihn nicht geben können, sie hätte ihn verputzt…

November 2020

Sein „Heim“ nahm Wolfie, wie wir die Spinne nannten, nicht so schnell an. Erde, Zweige und Rinde schien er nicht zu kennen und lebte hauptsächlich am Deckel, was mich dazu veranlasste einen zweiten Cube auszustatten. Mit einem festgeklebten Döschen am Boden, damit Wolfie sich verstecken kann und ich ihn ohne weiteres beobachten kann. Hier scheint er sich wohler zu fühlen. Er geht auf die Jagd nach Crickets, kleinen Grillen, oder Fliegen, wenn ich noch welche an den Fensterscheiben fangen kann.

29.11.2020 Wolfie häutet sich

So nach und nach füllen wir Erde in den Cube und Wolfie fängt an sich damit anzufreunden. Einige Wochen später hat er seine Umgebung samt Ästen und Rinde akzeptiert und versteckt sich, wie Wilma, zwischen Wand und Rindenstück.

Dezember 2020

Ich mache mir Sorgen um Wilma. Sie wirkt apatisch und ihre Beute hole ich nach drei Tagen unangetastet aus dem Cube und entsorge sie. Der Wassernapf scheint das einzige zu sein, was Wilma noch besucht, sonst kauert sie in ihrem Versteck. Noch sind die Beine ausgestreckt und haften an der Scheibe. Ich befürchte sie hat nicht mehr lange zu leben.

Wolfie dagegen geht es ausgezeichnet, einmal die Woche wird er mit Crickets gefüttert und geht gleich auf Jagd. Diesen Monat hat er sich zum dritten und letzten mal gehäutet und gilt nun als erwachsen.

3. Januar 2021

Wilma ist tot. Morgens lag sie mit unter den Leib gezogenen Beinen auf halben Weg zum Wassernapf. Ich packte sie vorsichtig in eins der Döschen ihrer „Kinder“ und erinnerte mich an tolle Zeiten mit ihr.

Dann machte ich den Cube sauber und nun hatte Wolfie ein schönes großes Zuhause, wo er sich gleich wohlfühlte und seine, ich nenne sie Alarmdrähte, spann. Wenn Beutetiere über diese liefen, war er gleich auf „habacht“ und lauerte ihnen auf, um sie dann zu schnappen.

März bis Juni 2021

1.3.2021

In der letzten Zeit häufen sich die Meldungen in der Zeitung über gefährliche Giftspinnen, die dafür sorgen, dass der Markt geschlossen wird, die Spinne separiert, mit einem Strahl Kühlmittel betäubt und dann getötet wurde. Später stellte sich heraus, dass die Spinne eine Zoropsis spinimana war, eine Kräuseljagdspinne, wie Wilma oder Wolfie.

So auch im Supermarkt hier im Ort. Zum Glück kannte sich der junge Verkäufer mit Spinnen aus, er besaß selbst vier Stück der etwas größeren Gattung, der Vogelspinne. Als der Marktleiter schon in Panik die Feuerwehr anrufen wollte, meinte einer dieser Verkäufer, dass es sich um eine Kräuseljagdspinne handeln würde, die hier inzwischen heimisch sei…

Wolfie ist unruhiger und agiler als Wilma es war. Außerdem reagierte er panisch, wenn ich den Cube öffnete. Einmal in der Woche bekam er Fliegen oder auch Crickets, die er ruckzuck packte, seine Fänge in ihnen grub und sie dann genüsslich verspeiste.

Juli 2021

Wolfie wird ruhiger und wird nicht gleich panisch, wenn sich der Cube öffnet. In dieser Zeit gelingen mir mit meiner neuen Kamera tolle Fotos. Es sind die letzten Wochen mit Wolfie, einige Zeit nach den Aufnahmen möchte er nur noch trinken und lebt praktisch am Wassernapf. Seine Beutetiere können ihm über die „Nase“ laufen, ihn juckt das nicht die Bohne. Aber ich sehe ihn sehr oft Wasser trinken und achte darauf das der Napf beständig gefüllt ist.

5. August 2021 finde ich Wolfie mit untergezogenen Beinen in seinem Cube. Er findet seinen Platz in einem Döschen neben Wilma und seinen „Geschwistern“ im alten Cube. In den letzten Monaten hatte ich eine faszinierende Spinne, die Zoropsis spinimana, kennengelernt, die durch die Globalisierung und des Klimawandels auch hier bei uns heimisch wird.

Selbst bei uns im Keller leben einige schöne Exemplare…

Mir sind Menschen begegnet, die sich vor Spinnen fürchten und mir dankbar die Türen öffnen, damit ich das Tierchen nach draußen bringen kann.

Ich habe einen jungen Verkäufer gesehen, der eine Spinne im Salat rettete, indem er eine Spinnenexpertin, nicht mich, um Rat fragte. Bevor der Marktleiter den Markt schließen ließ, um eine ihm unbekannte Spinne töten zu lassen. Ich finde Nummern von Spinnenexperten sollten ebenso aushängen wie die Nummer der Gift-Notruf-Zentrale…

Freunde meines Sohnes fanden es faszinierend, wie meine Spinnen jagten, Mütter wollten nicht mehr zu uns kommen, dabei hatten sie bestimmt auch einige unentdeckte Exemplare unter/hinter ihrem Schrank zu Hause. Ich habe sie bestimmt nicht nur im Cube….

Diese Neugierde hatte mein Vater in meiner Kindheit geweckt. Auch ich hatte Angst vor Spinnen, da mir Freundinnen von „ihren“ schrecklichen Spinnen-Erlebnissen erzählten. Mein Vater meinte: “wir leben doch nicht in Australien!“ und fing mir eine Kreuzspinne aus der Brombeerhecke und ich durfte diese füttern. Und so wurde ich Expertin dafür, lebende Fliegen zu fangen. Ich saß stundenlang vor diesem Glas und beobachtete, wie die Kreuzspinne ihr Netz spann, Beute sich darin verhedderte und sie diese einwickelte. Später durfte ich beobachten, wie Winkelspinnen jagten…

August 2022

„Riesige Nosferatu-Spinne verbreitet sich in Rheinhessen“

„Giftige Nosferatu-Spinne verbreitet sich in Hessen“

So prangten die Schlagzeilen in vielen Zeitungen…

In den letzten drei Jahren hat sich die Kräuseljagdspinne gut vermehrt. Kein Wunder: Wenn ich die Kleinen von Wilmas fünf Bruten mal so zähle, sind es ca. 300 Stück…

Meine Familie meinte, es wäre doch ganz schön, wenn unsere Geschichte von Wilma und Wolfie erzählt werden könnte. So rief ich beim NABU an….

Petra G.

  Eine Antwort to “Wilma und Wolfie”

  1.  

    Sehr schöne lesenswerte Geschichte…..
    sollten alle lesen, die diesen Sommer in Panik verfallen sind.Wirft einen ganz anderen Blick auf die so ‚gefährliche‘ Nosferatu Spinne und alle ihre Verwandten.
    Danke!

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