Okt 072019
 

Ein Kommentar des NABU Seeheim-Jugenheim e.V. zum Umgang mit dem Wald in der Gemeinde Seeheim-Jugenheim 

Inzwischen ist es schon aus der Ferne sichtbar: Der Wald in der Gemeinde Seeheim-Jugenheim ist massiv geschädigt. 

Angeschlagen durch das Trockenjahr 2018 wurde der Wald 2019 erneut an seine Leistungsgrenze gebracht: Kiefern sterben großflächig in der Ebene, Buchen sind teilweise stark von Trockenheit geschädigt, einige von ihnen sterben ebenfalls ab, Fichten im gesamten Gemeindewald durch den Borkenkäfer. Auch an Lärchen und Birken sind mittlerweile Schäden zu erkennen.Wir sehen hier unzweifelhaft die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels. Doch auch die Waldbewirtschaftung spielt eine Rolle: Obwohl auch naturnahe Wälder unter den Folgen des Klimawandels leiden, zeigt sich, dass sie weit weniger betroffen sind als naturferne Forste.

Fotos: NABU/Archiv – Gemeindewald Seeheim-Jugenheim im Frühjahr 2019

Derweilen widersetzen sich die Gemeindeverwaltung und der Bürgermeister allen Vorstößen, eine naturnähere Waldbewirtschaftung zu etablieren.

Hitzeschäden

In der Gemeindevertretung der Gemeinde Seeheim-Jugenheim wurde am 22.02.2018 mit dem Konsens aller Parteien folgender Beschluss auf den Weg gebracht: „Der Gemeindevorstand wird beauftragt, Alternativen für die zukünftige ökologische Bewirtschaftung des Gemeindewaldes zu entwickeln, die mittelfristig zu einem mindestens ausgeglichenen Ergebnis der Waldbewirtschaftung führen. Diese Pläne sind der Gemeindevertretung bis Ende des Jahres 2018 zur Entscheidung vorzulegen.“

Die Tatsache, dass die Waldbewirtschaftung ein von Jahr zu Jahr wachsendes Defizit verursacht, sorgt für Unzufriedenheit in allen Parteien. Dabei wurde das von der Gemeindevertretung beschlossene Maximaldefizit von 10.000 Euro schon mehrfach überschritten. Einige Gemeindevertreter äußerten in dieser Sitzung zudem Kritik an der mangelnden Qualität der Waldarbeiten durch den verantwortlichen Dienstleister HessenForst.

Frassschäden durch Waldmaikäfer in den Wipfelnbereichen der Laubbäume und abgestorbene Kiefer.

Der Gemeindevorstand, dessen Mitglied der Bürgermeister ist, legte am 04.10.2018 eine Drucksache vor, in dem HessenForst als Dienstleister nicht hinterfragt wurde. Um zu einem einigermaßen ausgeglichenen Ergebnis zu kommen, sollen die Kosten der gemeindeeigenen Waldarbeiter auf den Bauhof umgelagert werden. Das von der Gemeindevertretung beschlossene Defizit von 10.000 Euro wird in diesem Schreiben auf 14.000 Euro angehoben.

(Siehe:  https://seeheim-jugenheim.ratsinfomanagement.net/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZfaMdVDPdl4K-kpFOEc-iAtjRi4C_m3jramr905CoP7J/Allgemeine_Vorlage_143-1-X.pdf Dieser Link funktioniert nicht mehr, weil die Gemeindeverwaltung vor kurzem diese Inhalte für die Öffentlichkeit gesperrt hat. Eine Kopie der Vorlage finden Sie hier. )

Viele Gemeindevertreter empfanden die Nicht-Ausführung eines einstimmigen Beschlusses und die Verlagerung von Kosten, die mit dem Wald in Verbindung stehen, als höchst fragwürdig und lehnten den Vorschlag mit Mehrheit ab. Die Frist wurde von der Gemeindevertretung einmalig verlängert. 

In der Zwischenzeit schlug die Fraktion der Grünen vor, andere Kommunen zu befragen, die ihre Wälder durch alternative Dienstleister bewirtschaften, wie z.B. die Gemeinden Büttelborn und Rüsselsheim. Ein Vertreter der Forstbetriebsgemeinschaft Rhein-Main stellte der Gemeinde ihr Konzept vor und bot an, die Wälder der Gemeinde Seeheim-Jugenheim in die Betriebsgemeinschaft zu integrieren. Dabei konnte die Gemeinde ihre Ziele und Vorstellungen zur Bewirtschaftung frei vorgeben.

Im Umweltausschuss gab der Bürgermeister bekannt, dass man sich von der bisher angestrebten schwarzen Null verabschieden müsse und dass er den Wald für die kommende Saison aus der Nutzung nehmen wolle. Ein Vertreter der SPD sprach sich für eine Ruhezeit für den Wald aus.
In der nachfolgenden Umweltausschusssitzung am 20.9.2019 verkündete – entgegen der vom Bürgermeister bisher gemachten Aussagen – der Revierförster Herr Hungenberg und mit Zustimmung des Gemeindevorstands eine geplante Holzernte von 3190 Festmetern, was ca. Dreiviertel der im  Waldwirtschaftsplan kalkulierten Holzmenge von 4194 Festmeter entspricht. 

Herr Kreissl machte auf den erneuten Hinweis der Grünen in dieser Sitzung noch einmal klar, dass er den Beschluss nicht umsetzen und keine Alternativen entwickeln würde. Die CDU sprach sich dafür aus, weiter mit HessenForst zu arbeiten und den ursprünglichen Antrag zur alternativen Bewirtschaftung so schnell wie möglich zum Abschluss zu bringen. Grüne und SPD setzten sich in diesem Ausschuss für die Schaffung einer Agendagruppe aus interessierten Bürgern ein, um mögliche Alternativen zu entwickeln.

Überblickt man den gesamten Prozess seit der Beschlussfassung, bleibt es unverständlich, warum der Gemeindevorstand einem von den Gemeindevertretern einstimmig gefassten Beschluss nicht nachkommt. Die einzige erkennbare Maßnahme von Seiten des Bürgermeisters beschränkt sich darauf, Kosten in einen anderen Etat zu verschieben, was in Anbetracht der momentanen Situation im Wald nicht die einzige Maßnahme bleiben kann. Beraten und informiert werden Gemeindevertretung und Verwaltung offenbar lediglich durch HessenForst.

Während der Wald in der Ebene in ein Rettungsprogramm mit Wiederaufforstungsmaßnahmen integriert ist, werden nun in den anderen, ebenfalls angeschlagenen Beständen, verhältnismäßig große Holzmengen entnommen, obwohl alles darauf hinweist, dass das fortgesetzte Eingreifen in ein geschwächtes System eine weitere Schwächung nach sich zieht. Deutlich wird die Ausrichtung des Gemeindewaldes auf Kostenminimierung. Es scheint nicht darum zu gehen, den Wald zu erhalten, sondern um das Defizit zu verringern. Dabei wird nicht langfristig geplant, sondern nur situativ gehandelt. 

Aus Sicht des NABU’s ist diese Herangehensweise nicht verantwortungsvoll, sie schädigt einen kranken Wald weiter. Die Folgen sind absehbar, wenn weitere Dürreperioden oder Stürme durch das Fortschreiten des Klimawandels häufiger werden.  

Der NABU begrüßt die geplanten Aufforstungen zur Rettung des Waldes in der Ebene, aber fordert die Gemeinde zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit dem gesamten Gemeindewald auf: Den Einschlag auf ein Minimum begrenzen, absterbende Bäume zur Totholzanreicherung und zur Verhinderung von Auflichtungen im Bestand zu lassen und dem Wald die benötigte Ruhezeit zu gönnen. Die Ausrichtung auf eine naturgemäße und schonende Bewirtschaftung ist dringend erforderlich, um das Ökosystem Wald auf Dauer zu erhalten. Nur so kann er seinen Beitrag als wertvoller CO2-Speicher im Klimawandel leisten.