
Gemeinsamer Presseartikel von
NABU Seeheim-Jugenheim
Netzwerk Bergsträßer Wald
BUND Region Frankenstein
Es war ein stockender Prozess, der mehrere Anläufe und Anpassungen erforderte. Doch drei Jahre nachdem die SPD ihren Antrag zur Einrichtung eines Runden Tisches Wald einbrachte, der ein zukunftsgewandtes „Waldentwicklungskonzept“ für die nächsten 10 Jahre entwerfen sollte, wurde dieses nun veröffentlicht und der Gemeindevertretung vorgelegt. Darüber wird im Umweltausschuss am 20.01.2026 erstmals beraten und abgestimmt.
Der Runde Tisch setzte sich aus Vertretern der Parteien der Gemeinde (anwesend waren Grüne/CDU/SPD), des Gemeindevorstands, der Bürgermeisterin, der Verwaltung, den örtlichen Naturschutzgruppen (NABU/BUND/Netzwerk Bergsträßer Wald), dem Revierförster, dem Holzkontor und Jägern zusammen.
Beratend traten der Vegetationsökologe Dr. Christian Storm von der TU Darmstadt und Dr. Lutz Fähser, Diplom-Forstwirt und Entwickler des vielfach ausgezeichneten Lübecker “Konzepts für Naturnahe Waldnutzung” in Vorträgen und Waldbegehungen auf.
In vier Sitzungen wurde anschließend in konzentrierten und oftmals zähen Diskussionen um eine Strategie für den Wald gerungen. Alle Beteiligten hatten sich im Vorfeld eingehende Gedanken zu einzelnen Punkten wie z.B. dem Holzeinschlag, Bodenbefahrung mit Forstmaschinen und dem Erhalt alter Bäume gemacht. Die Moderation übernahm Dr. Hans Frickel, von der auf Nachhaltigkeitsthemen spezialisierten Firma GrüneNeun aus Malchen. Mitarbeiterinnen aus dem Fachbereich Bauen und Umwelt der Gemeinde sorgten für die erste Strukturierung der Themen und übernahmen die Protokollführung.
Anders als in Alsbach-Hähnlein, Darmstadt und Lautertal, in denen ebenfalls Runde Tische zur zukünftigen Waldbehandlung eingerichtet wurden, bestand die Gemeinde Seeheim-Jugenheim auf eine zusätzliche „Kommission Forsteinrichtung“, welche die Ergebnisse des Runden Tisches noch zusätzlich bewertete und am Ende des Prozesses entschied, welche Punkte übernommen, abgeändert oder gestrichen wurden, und sie traf Entscheidungen zu Sachverhalten, die nicht konsensfähig waren. Diese Kommission bestand aus Gemeindevertretern von Grünen, SPD und CDU, Gemeindevorstand und der Bürgermeisterin. Naturschutzgruppen, der Revierförster, der Vertreter des Holzkontors und Jäger wurden an diesem Prozess nicht beteiligt.
Viele positive Entwicklungen, aber zu wenig Zukunftssicherheit
Es wurden einige Punkte in das Konzept übernommen, die NABU, BUND und dem Netzwerk Bergsträßer Wald am Herzen lagen. Bei den Themen Baumartenwahl, Totholzmengen, Rückegassenabständen, Kronenschlussgrad, Verkehrssicherung, Wasserrückhalt und Verwendung des Holzes (vorrangig stofflich) zeigten sie sich sehr zufrieden mit dem Ausgang der Diskussionen. Die aufgestellten Ziele würden nach Ansicht der Naturschützer über die bisherigen Zertifizierungsrichtlinien hinausgehen und bei adäquater Umsetzung spürbare Verbesserungen für den Wald bringen. So sollen nun 10% der älteren Bäume ab einem Alter von 140 Jahren geschützt werden, weniger Waldboden befahren werden, mehr Raum für Tier- und Pflanzenarten geschaffen werden durch Verbleib von mehr Totholz im Wald und etwas mehr Naturwaldflächen ausgezeichnet werden. Um den Wald vor dem Austrocknen zu schützen, soll ein weitgehend geschlossenes Kronendach erhalten werden. Auch soll sich die Baumartenzusammensetzung künftig an der natürlichen Vegetation orientieren und Pflanzungen von risikoreichen und die Artenvielfalt verringernden Baumarten aus anderen Erdteilen nicht mehr zulässig sein.
Allerdings fand deren Hauptanliegen, nämlich ein stark reduzierter Holzeinschlag, nicht ausreichend Berücksichtigung.
NABU, BUND und Netzwerk hatten im Rahmen des Runden Tisches ein gemeinsames Statement verfasst. Dieses stellte die zunehmenden Stressfaktoren, die im Zuge der Klimakrise auf den Wald zukommen, in das Zentrum der Argumentation. Damit sich der Wald gegen zunehmende Dürren, Starkregen und Stürme wappnen könne, müsse der Wald dringend stabilisiert werden. Die Klimaprojektionen für die Rheinebene und die Bergstraße seien katastrophal. Die Stabilisierung sei vor allem, wie von den beratenden Experten empfohlen, durch den Aufbau von Holzvorrat und die Reduzierung der Einschläge auf ein Minimum (Eingereichter Vorschlag NABU und BUND: 10% des jährlichen Zuwachses, Netzwerk: Moratorium) zu erreichen.
Das Statement wurde durch eine Karte ergänzt, welche die Vitalitätsveränderungen im Seeheim- Jugenheimer Wald zeigt, also Baumschäden, die in den vergangenen 8 Jahren insbesondere durch andauernde Dürreperioden entstanden sind.
Da zu keinem Zeitpunkt eine Zustandsbeschreibung oder Zustandserfassung des Waldes erfolgt war, wollten die Naturschutzgruppen dieses Versäumnis zumindest ansatzweise nachholen. Diese Karte des bundesweiten Monitorings des Waldzustands “Forestwatch”, die per Satellitenerfassung den Kronenzustand der Bäume detailliert erfasst, verdeutlicht, wie schlecht es dem Seeheim-Jugenheimer Wald schon jetzt in großen Teilen geht.

Da die Vorstellungen bezüglich des Holzeinschlags bei den Beteiligten des Runden Tisches weit auseinander gingen, einigten sich die Mitglieder der Kommission auf einen im Vergleich zur letzten Forsteinrichtung verringerten Hiebsatz von maximal 50% des jährlichen Zuwachses und strichen den von allen Beteiligten des Runden Tisches getragenen Konsens, dass Holzvorrat aufgebaut werden soll. Ein nachträglicher, von der Kommission hinzugefügter Zusatz, der den Holzeinschlag in Abteilungen mit schwachem Wachstum oder kritischem Vorratszustand auf die Pflegenutzung begrenzt und jährlich überprüft werden soll, halten die Naturschutzgruppen für nicht ausreichend, da zum einen „kritischer Vorratszustand“ und „schwaches Wachstum“ nicht definiert wurde und zum anderen, weil er hinsichtlich der auf die Wälder zukommenden und zunehmenden Extremwetterereignisse nicht vorausschauend genug ist. Wenn nur von Jahr zu Jahr beobachtet würde, wie es um den Wald bestellt sei, dann fehle die perspektivische, prognostische Komponente. Ist ein Wald erst zusammengebrochen oder destabilisiert, dann sei es zu spät für Anpassungen. Sein Wiederaufbau könne unter immer schwieriger werdenden Klimabedingungen Jahrhunderte dauern. Der beklagenswerte Zustand der Wälder in der Ebene halte vor Augen, wie es in Zukunft auch den Buchenwäldern auf den Hängen ergehen kann, wenn sie multiplen und steigenden Stressfaktoren ausgesetzt sind. Fördergelder aus dem Förderprogramm „Klimaangepasstes Waldmanagement“ und weitere mögliche Förderquellen (z.B. KlimaWildnis) hätten es der Gemeinde finanziell ermöglicht, ein bis zwei Jahrzehnte auf Holzernte weitestgehend zu verzichten.

Streitthema Kontrolle von Maßnahmen
Große Differenzen gab es beim Thema Kontrolle von durchgeführten forstlichen Maßnahmen. Die Naturschutzgruppen hatten es für notwendig erachtet, dass zumindest stichprobenartig die Arbeiten des Forstdienstleisters von einer unabhängigen fachkundigen Person überprüft werden, da es bisher keine Qualitätssicherung im Forstbereich gebe. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Zweifel an der Einhaltung von Richtlinien und Beschlüssen gegeben, zuletzt hinsichtlich des von der Gemeindevertretung beschlossenen Buchenmoratoriums, das bis zur Beschlussfassung der Waldstrategie galt.
FSC- oder PEFC-Audits im Rahmen der Zertifizierung sind nach Ansicht der Naturschützer nicht dazu geeignet, die im Leitbild festgelegten Ziele auf Einhaltung zu überprüfen, da diese über die Zertifizierungsrichtlinien hinausgehen. Beschwerdeverfahren seien aufwändig, intransparent und erfahrungsgemäß wenig effektiv hinsichtlich einer Verbesserung der forstlichen Praxis.
Doch dieses Anliegen einer externen Kontrolle wurde abgelehnt, und obwohl nun im Leitbild zu lesen ist, dass eine Kontrolle stattfinden soll, wurde nicht geregelt, wie diese erfolgen soll.
Die Naturschutzgruppen hatten sich zudem gewünscht, dass der Runde Tisch Wald zukünftig einmal im Jahr tagt, um gemeinsam zu eruieren, wie sich der Wald entwickelt und ob Anpassungen im Leitbild und damit auch im jährlichen Waldwirtschaftsplan vorgenommen werden sollten. Für diese Fortführung des Runden Tisches gab es keine Mehrheit.
Fazit
Was lange währt, wird nicht endlich gut, aber es wird besser als vorher: Das Leitbild Wald enthält aus Sicht der Naturschutzgruppen viele wichtige und fortschrittliche Vereinbarungen für die zukünftige Waldbewirtschaftung der Gemeindewälder, die über die bisherigen geltenden Richtlinien hinausgehen und bei korrekter Umsetzung spürbare Verbesserungen für den Wald bringen werden.
Bezüglich der gegenteilig beschiedenen, aber daher umso dringenderen Handlungsbedarfs bezüglich nachhaltiger und zukunftssicherer Stärkung des Waldes sowie einer aktiveren Einbeziehung der Naturschutzverbände und Bürgerschaft sehen NABU, Netzwerk und BUND Nachbesserungsbedarf und bieten der Gemeinde weiterhin ihre Unterstützung an, um den Wald für kommende Generationen zu erhalten.
