Nov 172022
 

Stellungnahme des NABU Seeheim-Jugenheim zum Umgang mit dem Waldwirtschaftsplan 2023 im Umweltausschuss am 15.11.2022

Vom Überleben des Waldes hängt es entscheidend ab, ob die Menschheit auf unserem Planeten in Zukunft weiter leben kann. Er versorgt uns mit der Luft, die wir atmen, er ist der größte Kohlenstoffspeicher der terrestrischen Biosphäre, er ist Lebensraum für Millionen von Tier- und Pflanzenarten, er ist dafür da, dass Wasserkreisläufe funktionieren. Wir schätzen ihn als Erholungsraum und als das wichtigste landschaftsbildende Element unserer Region. Zusammengefasst: Ohne den Wald sind die Menschheit, die Tier- und Pflanzenwelt verloren. Verlieren wir ihn, verlieren wir den Kampf gegen den Klimawandel. Der Wald benötigt eine erhöhte Widerstandsfähigkeit, um im Klimawandel zu bestehen. Dazu ist ein Umdenken von monetären Zielen (Holzernte) hin zu mehr Naturnähe vonnöten, weil nur ein naturnaher Wald auch widerstandsfähig genug ist, auch in erwartbar deutlich höheren Temperaturen kommender Jahrzehnte zu bestehen. 

Diese Dringlichkeit, den Wald klimafest zu machen, war beim Umweltausschuss der Gemeinde Seeheim-Jugenheim nicht spürbar. Der Waldwirtschaftsplan, der einen Einschlag von 3525 Festmetern Holz vorsieht, wurde in der Sitzung des Umweltausschusses am 15.11.2022 mit der Zustimmung aller Parteien durchgewunken.

Doch der Wald ist zu wichtig, als dass man ihn alleine auf seine Holzfunktion beschränkt, die ein gewichtiges Thema an diesem Abend war. Die Aspekte des Schutzes und der Erholung für die Bürger der Gemeinde gingen unter, obwohl sie in der Forsteinrichtung auf Platz 1 der Prioritäten für den Gemeindewald stehen. Besorgte Einzelbeiträge zum Zustand des Waldes von Seiten der Grünen verhallten.

Ein positives wirtschaftliches Ergebnis, das der Einschlag in den Wald bringen soll, und die Versicherung einer schonenden Holzernte von seitens des Revierförsters waren offenbar überzeugende Argumente, dem Waldwirtschaftsplan zuzustimmen. 

Der NABU ist besorgt, dass 3525 Festmeter Holz im kommenden Jahr im Gemeindewald eingeschlagen werden sollen, da die Stressfaktoren durch die Holzernte den angegriffenen Wald zusätzlich belasten. Auch wenn der Hiebsatz als nachhaltig bezeichnet wird, so berücksichtigt er nicht die zukünftig weiter steigenden Temperaturen, die zunehmende Trockenheit und Extremwetterereignisse, die Schadereignisse im Wald begünstigen.

Allein im Ober-Beerbacher Wald sollen 1000 Festmeter Holz eingeschlagen werden. Die betroffenen Gebiete befinden sich oberhalb des Sauteichs und im Wald, der sich vom Col de Ober-Beerbach (Naturparkplatz) zum Steigerts hinaufzieht. Wo bleibt der Wert des Waldes für die Erholung der Bürger dieser Gemeinde und als Kohlenstoffspeicher? (In den rot schraffierten Bereichen sollen viele ältere Bäume fallen, ungefähre Flächenmarkierung)

Der NABU Seeheim-Jugenheim hat alle Parteien im Vorfeld der Sitzung mit Informationen ausgestattet, in denen die wichtigsten Faktoren für die Schaffung eines klimastabilen Waldes vorgestellt und Empfehlungen ausgesprochen wurden. Einige von den Eingriffen betroffene Waldabteilungen wurden im Vorfeld in Augenschein genommen.

Die Hauptnutzung (Ernte älterer Bäume) sollte aus Sicht des NABUs in Buchenbeständen für mehrere Jahre ausgesetzt werden, um den Wald klimastabiler zu machen. Das Kronendach sollte so dicht wie möglich gehalten werden, damit weniger Trockenheit in den Wald eindringen kann.

Dabei sind auch kranke oder tote Bäume hilfreich, da sie noch lange Schatten spenden. Die von der Forstwirtschaft als hiebsreif erklärten, älteren Bäume, die laut Waldwirtschaftsplan nun im Rahmen der Hauptnutzung gefällt werden sollen, sind essentiell für das Funktionieren und Überleben des Waldes. Sie binden auch Unmengen Kohlenstoff im Wald. Stattdessen sollte der Holzvorrat sukzessive aufgebaut werden, ebenso der Totholzvorrat: Da letzterer im Seeheimer Wald laut der Forsteinrichtung von 2016 verschwindend gering ist und weit unter dem Bundesdurchschnitt und den naturwissenschaftlichen Empfehlungen liegt, wurde empfohlen, ihn signifikant zu erhöhen, um die Artenvielfalt und Wasserspeicherung zu begünstigen. Schonende Pflegeeingriffe sollen weiterhin möglich sein, um seltene Baumarten zu fördern und um Holz für den Bedarf der Bürger zu generieren. Nur ein gesunder Wald mit allen Altersphasen und hohem Totholzanteil kann auch für die kommenden Generationen seine Funktionen samt Holzversorgung erfüllen. All diese Argumente wurden mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Funktionieren von Waldökosystemen und zur Schaffung klimastabiler Wälder belegt.

Das Ökosystem Wald benötigt alle Altersphasen – wie auf dem Schaubild dargestellt. Rot markiert sind hingegen die Altersphasen, in denen die Forstwirtschaft in einem Wirtschaftswald ihre Eingriffe vornimmt. Das bedeutet, dass die Bäume ab einem mittleren Alter im Wirtschaftswald nicht mehr existieren. Eine Buche kann beispielsweise über 300 Jahre alt werden, die Forstwirtschaft fällt sie aber schon mit 120-140 Jahren.
Grafik nach Hilmers et al, 2018: Biodiversity along temperate forest succession. J Appl Ecol. 2018; 55: 2756– 2766..

Eine von dem geplanten Holzeinschlag betroffene Abteilung am Langen Berg. Die Bestände sind teilweise jetzt schon aufgelichtet. Trockenheit kann so verstärkt in den Wald eindringen, das Mikroklima des Waldes ist beschädigt.

Den Parteien wurde geraten, zusätzlich zur Beratung durch den Wirtschaftsbetrieb HessenForst weitere Beratung durch unabhängige und nicht zugleich als Forstdienstleister auftretende Experten zur naturnahen Waldbewirtschaftung nach dem Lübecker Modell einzuholen. Dieses wurde vom Umweltministerium ausgezeichnet. Es vereint wirtschaftliche Nutzung, Naturschutz, Klimaschutz sowie Erholung und Naturerfahrung und ist gleichzeitig beispielgebend für die Schaffung klimastabiler, artenreicher Wälder. Auch eine Beratung durch die Universität Darmstadt/Stadt Darmstadt wurde empfohlen sowie die Prüfung des Förderprogramms der Bundesregierung zum „Klimaangepassten Waldmanagement“.

Positiv bewertet der NABU, dass sich Gemeindevertreter der Grünen für die Umsetzung des Beschlusses von 2019 einsetzten, nach dem eine Agendagruppe Wald durch die Gemeinde eingerichtet werden sollte, und auch, dass laut Beschluss das Förderprogramm der Bundesregierung zum „Klimaangepassten Waldmanagement“ geprüft werden soll. 

Der NABU Seeheim-Jugenheim hofft, dass die Gemeindevertreter ihre Verantwortung für den Erhalt eines zukunftsfähigen Waldes wahrnehmen und in der kommenden Gemeindevertretersitzung die Aspekte des Klima- und Naturschutzes und der Erholung berücksichtigen werden.

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