Mai 092020
 

Interview mit Eckhard Woite zum Tag der Artenvielfalt.

Eckhard Woite: Waldfacharbeiter und Lehrer, Gründer und Leiter der Wühlmäuse, seit über 50 Jahren Jugendleiter und aktiv für die Artenvielfalt.

R.K.: Ecki, „Tag der Artenvielfalt“: für Dich und die Wühlmäuse ein wichtiger Tag.

E.W.: Ein sehr wichtiger Tag. Wir erleben gerade das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier. Bei den großen Tieren, wie zum Beispiel Eisbären fällt es auf, aber die unauffälligen Lebewesen, wie unsere Insekten und Pflanzen, verschwinden still und unbemerkt. 80 % unserer Insekten sind schon verschwunden. Und mit Ihnen verschwinden auch die Vögel. Wir kommen einem „Stummen Frühling“ immer näher. Heute ist der 8. Mai, es ist 22 Grad und ich sehe in meinem Garten keinen einzigen Schmetterling, wo sich früher viele dieser schönen Flattertiere tummelten. Was tun wir da der Natur und unseren Kindern an? Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren und müssen mit starken und wirkungsvollen Methoden gegen diese Naturvernichtung angehen. So entstand die Vision, den Internationalen Tag der Artenvielfalt zum gesetzlichen Feiertag zu erheben.

R.K.: Du meinst zusätzlich oder anstelle von zum Beispiel Pfingsten oder Fronleichnam?

E.W: Ja, die Bedeutung von Pfingsten oder Fronleichnam kennen die meisten Menschen heute nicht mal mehr. Wertvoller als eine frohe Leiche ist eine lebendige, artenreiche Natur. Die Artenvielfalt betrifft alle Menschen, egal woran sie glauben, welcher Nationalität sie angehören, welches Alter, Geschlecht oder Einkommen sie haben. Und alle können etwas tun. Der Tag sollte wie Weihnachten oder Ostern mit Handlungen verbunden sein. Daher wäre ein früherer Termin als der 22. Mai wünschenswert. Denn da ist es zum Pflanzen und Säen schon zu spät. Besser geeignet wäre ein Tag Ende März oder Anfang April.

R.K.: Was kann denn Jeder tun?

E.W: Jeder kann auf dem Balkon, im Garten, auf Gemeindegrund vor der Haustür oder zusammen mit anderen in der freien Flur und im Wald die insektenfreundliche Artenvielfalt fördern. Solche „Pflanzaktionen“ würde ich mir für den Tag der Artenvielfalt wünschen.

R.K.: Das ist ein bisschen wenig, um das Artensterben aufzuhalten.

E.W: Einer der Hauptgründe für das Artensterben ist die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben und damit der große Raub an Flächen und somit Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen. Zusätzlich die Belastung durch Überdüngung und das Ausbringen giftiger Pestizide. Von der Politik müsste eine andere Art von Landwirtschaft gefördert werden. Eine, die auf den Schutz der Natur, das Wohl der Tiere und somit auch die Gesundheit der Menschen Rücksicht nimmt. Beim Einkaufen kann jeder von uns mitentscheiden wie die Landschaft vor unserer Haustüre aussehen soll. Und beim abgeben seines Stimmzettels bei den Wahlen.

Eine weitere Ursache für Klimawandel, Umweltzerstörung und Artensterben ist unser Konsumverhalten, das unser Wirtschaftssystem am Laufen hält, das auf immer mehr und größeren Wachstum ausgerichtet ist. Konsumenten sind mächtig. Jeder sollte sein Konsumverhalten überdenken. Also wenn möglich: nachhaltig produziertes kaufen, unnötiges vermeiden, Kunststoff reduzieren, umweltschädliche Mobilität wie zum Beispiel Fliegen soweit es geht vermeiden.

Es gibt also drei Wege, um der Natur zu Helfen:

  • Nachhaltige Landwirtschaft unterstützen
  • Konsumverhalten ändern
  • Lebensräume (im Kleinen wie im Großen) schaffen, schützen, pflegen

R.K.: Zu Zeiten von Corona scheint es kein anderes Thema mehr zu geben. Mich selbst ängstigt die Zerstörung unserer Umwelt viel mehr, als die Gefahr, die von so einem Virus ausgeht …

E.W.: Ja. Und das Artensterben geht weiter, die Corona-Krise ist irgendwann vorbei. Dennoch hinterfragen jetzt vielleicht Einige ihr Konsumverhalten. Es wird nur noch das gekauft, was wirklich gebraucht wird. Und viele entdecken gerade die Natur und die Landschaft vor Ihrer Haustüre für sich. Vielleicht bleibt davon ja auch nach der Krise noch etwas hängen.
Auch vorher schon hat sich das Bewusstsein vieler Menschen verändert. So fand das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ 2019 in Bayern 1,8 Millionen Unterstützer. Und ich bekomme auch viele Anfragen, was man in seinem Garten und in der Natur tun kann, wie man Lebensräume schaffen kann. Es gibt viele Menschen die etwas tun wollen.

R.K.: Danke für das Gespräch Ecki. Legen wir los.

E.W.: Ja, Legen wir los!

Der Internationale Tag für die biologische Vielfalt ist ein von den Vereinten Nationen genehmigter internationaler Tag zur Förderung von Fragen der biologischen Vielfalt. Er findet derzeit am 22. Mai statt.

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