Jul 092017
 

Naturschützer entsetzt über Hessen-Forst-Kritik an FSC-Zertifizierung des Waldes

Wetzlar –Mit großer Verwunderung hat der NABU auf eine Studie von Hessen-Forst reagiert, in der sich der Landesbetrieb gegen die aktuelle Umstellung der Bewirtschaftung des Staatswaldes auf die ökologischen Standards des FSC-Siegels ausspricht. „Wie kann ein Dienstleister den Wunsch des Waldbesitzers derart hintertreiben?“ empört sich Gerhard Eppler, Landesvorsitzender des NABU Hessen. Mittlerweile ist die Hälfte der staatlichen Forstämter zertifiziert, die andere Hälfte soll noch folgen.

Die Aussagen des Landesbetriebs Hessen-Forst zur FSC-Zertifizierung ließen ökologische Fachkompetenz in dramatischer Weise vermissen. So behaupte Hessen-Forst, aus ökologischer Perspektive sei keine „signifikante Verbesserung erkennbar“. Laut NABU treten positive Entwicklungen in Wäldern aber nicht von einem Tag auf den anderen ein, sondern brauchen zum Teil Jahre. Verschlechterung für den Artenschutz durch Fällung alter Bäume und Auflichtung von Beständen sei dagegen sofort „signifikant erkennbar“, wie der NABU an einigen Beispielen leidvoll dokumentieren konnte.

Der neue FSC-Standard verlange eine natürliche Waldentwicklung auf 10 Prozent der Waldfläche, was eine herausragende Verbesserung für die Natur darstelle, so der NABU. Auch die Vorgabe zu zehn Bäumen pro Hektar, die nicht gefällt werden dürfen  – statt bisher nur drei –, stelle eine Verbesserung für den Artenschutz dar. FSC verbiete zudem den Gifteinsatz im Wald. „Wer hier keinen Vorteil erkennt, ist ökologisch blind“, so der NABU. Hessen-Forst sagt eine Zurückdrängung von Schwarzspecht, Rauhfußkauz und Sperlingskauz durch „eine weitere Steigerung der Dominanz von Laubbaumarten“ voraus. Auch dies ist für den Naturschutzbund nicht nachvollziehbar: „Aktuelle Fachstudien zeigen, dass der Schwarzspecht in naturnahen Laubwäldern doppelt so häufig vorkommt wie in eintönigen Nadelwäldern“, so Eppler. Auch mit einer FSC-Zertifizierung im Staatswald werde es stets noch einen hohen Nadelwaldanteil in Hessen geben, so dass keine Arten zurückgedrängt werden. Die Ablehnung des FSC-Siegels mit Artenschutzargumenten nennt der NABU „scheinheilig“. Wem der Artenschutz wirklich am Herzen liege, müsse FSC und mehr Wälder mit alten und uralten Bäumen fördern.

Auch die von Hessen-Forst vorgebrachten „finanziellen und volkswirtschaftlich langfristig spürbaren negativen Effekte“ seien „üble Stimmungsmache gegen den Naturschutz“, so Eppler. Da behauptet Hessen-Forst, durch FSC käme es zu Einnahmeausfällen von 2,1 Mio € pro Jahr. Dabei ist die Ausweisung von Wäldern mit natürlicher Waldentwicklung gar nicht durch FSC bedingt, sondern ohnehin schon ein Beschluss der Hessischen Biodiversitätsstrategie und des Koalitionsvertrages. „Es ist ein Märchen, dass Hessen-Forst durch Naturschutz im Wald weniger Einnahmen hätte: Trotz Holzeinschlagsverzicht auf rund 25.000 Hektar ist die Holzernte gar nicht gesunken“, so der NABU. Sie läge seit zehn Jahren recht konstant bei 2 Millionen Erntefestmetern. Die Holzmasse nähme gleichzeitig ständig zu: Der Zuwachs liegt nach Aussage des Landesbetriebs um etwa 10 Prozent über der geernteten Holzmenge.

„Durch Düngung mit Kohlendioxid und Stickoxiden aus der Luft wachsen die Bäume immer schneller“, so Eppler. Demnach wachsen Buchenbestände 30 Prozent schneller, Fichtenbestände um 10 Prozent. „Da gibt es kein finanzielles Problem, wenn wir auf einigen Prozenten der Waldfläche auf Holzeinschläge verzichten“, so der NABU. Auch die Behauptung, FSC dränge auf Minimierung der Douglasie sei falsch. Das Ziel im Staatswald bis 2050, den Anteil von Douglasien von 3 auf 10 Prozent zu erhöhen, sei auch unter FSC-Standards problemlos umsetzbar. Wenn Hessen-Forst „negative volkswirtschaftliche Effekte“ anprangere, so verkenne der Landesbetrieb, das der Wald mehr ist als ein Holzacker. Er habe noch viele andere gleichrangige Funktionen, die nicht in barem Geld zu bemessen seien, wie Naturschutz, Klimaschutz, Erholung, Bodenschutz, Grundwasserschutz und andere. Diese erhielten mit dem FSC-Zertifikat eine Aufwertung.